Man wohnt fünfzehn Jahre in einem Bezirk und kennt noch nicht einmal die Stadt, nach der er benannt ist. Prenzlau, ein melancholischer Ort an einem großen See, über den am Abend die Vogelschwärme hinweg ziehen. Bauwerke, die sich einen gewissen Stolz erlauben dürften. Die Verlassenheit des ländlichen Ostens.

Und dort nun findet ein Radmarathon statt, der immerhin zum Deutschen Radmarathon-Cup zählt. Dazu noch im Herbst, eine der schönsten Jahreszeiten der Gegend. Eine Herzensangelegenheit.

M. hat seine Saison mit der Rückkehr aus Nizza beendet, so dass ich zum ersten Mal in meinem Leben allein zu einer solchen Veranstaltung aufbreche. Furchtbare Aufregung bemächtigt sich meiner.

„Allein bist Du da wohl kaum, bei 250 Startern“, sagt der Coach.

„Aber wenn die mich nicht mitfahren lassen!“ sage ich.

„Die freuen sich doch, wenn da eine Frau mitfährt“, sagt er.

„Aber nicht über eine alte Frau!“

Am Tag vor der Veranstaltung, der ein Feiertag ist, kann ich mich kaum aus dem Bett rühren. Aber ich beschließe dennoch, anzureisen. Wenn ich am nächsten Tag in Prenzlau aufwache und krank bin, fahre ich eben wieder nach Hause. Wache ich in Berlin auf und bin gesund, werde ich mich krumm ärgern.

IMG_4321
Fahr‘ ich durch Prenzlau, tanz‘ ich mit dem KreisParkAffen…

Allein schon der skurrile Abend im Hotel in Prenzlau ist die Reise wert. Ich vertiefe mich in die Strecke und zu erwartende Gegenwindabschnitte, während auf dem altersschwachen Schwarzweiß-Fernseher eine schemenhafte, gerade noch zu erahnende Version des mindestens 100 Jahre alten Films Bodyguard läuft.

Am Morgen greife ich trotz frischer 8 Grad zur kurzen Hose und rolle fröstelnd zum Start. Gänsehaut macht mir nicht nur die Kälte, sondern das Klacken, das von vorne näher kommt, als sich nach und nach alle einklinken. Mit Polizeibegleitung geht es hinaus aus dem Ort, eine Schlange aus bunten Trikots windet sich vor mir durch die Felder, über denen noch der Dunst der Nacht liegt. Die schwache Sonne taucht grüne Wiesen, braune Acker und buntbelaubte Bäume in ein goldgelbes Licht. Das Surren der Ketten ist das einzige Geräusch, das den frühen Morgen stört. Ein Fest für die Sinne!

Es geht rasch voran, die Gruppe zieht, bis zur ersten Verpflegung geht das so, und auch danach finden sich schnell Mitfahrer. Artig bedanke ich mich bei jedem, bei dem ich mehr als drei Meter im Windschatten hänge. Nach den wohl schnellsten 100 Kilometern, die ich jemals gefahren bin, freue ich mich über ein Stück Wegstrecke für mich allein.

Jetzt der Wind aus Südwest. Ich mache mich klein und kämpfe. I wanna run to you-oooh, jauchzt Whitney in meinem Hinterkopf. Vor Ohrwürmern muss man sich in Acht nehmen, wenn man vorhat, mehr als drei Stunden Rad zu fahren. Hinter mir eine größere Truppe. Ich hoffe fast, dass sie mich einholen. Dann merke ich, die Distanz bleibt gleich, das ist auch Ansporn.

Nach Kilometern endlich vier Fahrer, die mich überholen. Ich hänge mich ran. Sie fahren schnell, der Wind kommt von der Seite, dagegen helfen sie nichts, ich gebe trotzdem alles, um dran zu bleiben.

Als sie bei der nächsten Verpflegung aufbrechen, winken sie mir zu. „Kommst Du mit?“ Der Coach hatte also doch recht. Den Rest des milden, goldenen Tages fahren wir gemeinsam durch die herbstbunte Gegend, auf kleinen, verkehrsarmen Sträßchen. Nicht mehr ganz so schnell, einer der Mitstreiter hat sich schon verausgabt. Mir passt es, so habe ich wenig Mühe mitzuhalten und auch einmal vorn zu fahren. ‚Cause I’m the queen of the ride, the queen of the ride, oh yeah, oh yeah!  Indian Summer.

Weselitz, die letzte Verpflegung, empfängt uns mit großem Bahnhof. Mit Pauken und Trompeten werden wir angefeuert, als führen wir bei der Tour de France. „Die zweite Frau!“ rufen sie. Kann das stimmen? Egal, es klingt gut. Die Verpflegung ist reichhaltig und vielfältig – wie auf der gesamten Strecke. Belegte Brote, Obst, Riegel, Salzgebäck, Kekse, Kuchen; es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Wenn sie das auf allen fünf Strecken schaffen, aus denen man heute wählen kann, alle Achtung. Wobei ich mich nach wie vor frage, wie jemand unterwegs eine heiße Bockwurst im Brötchen herunterbringt.

Am Ende, als wir auf die große Straße in Richtung Prenzlau einbiegen, ziehen die Jungs dann noch einmal an. Endspurt, jeder gibt alles. Aber kurz vor dem Ziel wird beschlossen, wir fahren gemeinsam über die Linie. Fünf lachende Rennradfahrer auf einer einspurigen Straße nebeneinander. Ein waghalsiges Manöver!

IMG_4317

Und ein toller Tag, der mit einer Tüte Weingummi im Regionalzug Richtung Berlin zu Ende geht. I will always love Uckermark, soviel steht fest! Aus dem Fenster sehe ich die Gänse, die in großen Schwärmen über den See fliegen.

Distanz: 234 km.
Höhenmeter: 1.406 hm (auch wenn der Coach sich fragt, wo die herkommen sollen).
Unterwegs: 8:50 h. Reine Fahrzeit: 7:58h. Schnitt: 29,3 km/h.

Danke an:

  • Die unkomplizierte, nette und reichhaltige Organisation dieses schönen Events!
  • Den Coach fürs Beraten und Bestärken
  • M. für die leckeren Nudeln am Abend

www.huegelmarathon.de