Seit Tagen, nein, seit Wochen liege ich morgens um 4 Uhr mit klopfendem Herzen wach. Es liegt nicht daran, dass ich Berge von Pralinen verschlungen hätte. Nicht an der Regenvorhersage für die anstehende Trainingsrundfahrt, und auch nicht am zeitweisen spurlosen Verschwinden eines Blog-Nachbarn auf einer spanischen Insel.

Es liegt daran, dass ich eine Verabredung habe.

Nicht SO eine Verabredung. Dafür habe ich ja M. Aber es geht trotzdem um große Gefühle. In Belgien. Ruiselede. Liebhaber von purem Stahl ahnen vielleicht etwas.

Das Rad auch. Das Verago muss es künftig heißen, denn es wird die Kategorie „Rad“ in unserem Haushalt nicht mehr für sich allein beanspruchen.

„Wann willste ein anderes Rad denn noch fahren“, fragt es skeptisch.

„Teilen wir auf“, schlage ich vor. „Sommer und Herbst das andere, Winter und Frühling du und ich.“

Das andere Rad. Ich war schon mal so gut wie auf der Ziellinie. Stahl oder Carbon? Die große Glaubensfrage schien gelöst. Mit der klaren Geometrie eines Stahlrahmens bin ich groß geworden. Tour de France lief bei uns im Fernsehen wie bei anderen Menschen damals Tennis.

Der Coach und diverse Radhändler trauten ihren Ohren nicht. Stahl? Preis-Leistung? Gewicht? Wie es denn wenigstens mit Alu wäre?

Alu wickle ich mir höchstens an kalten Tagen um die Füße.

Das federleichte Sliker, das ich für das Alpenbrevet leihen konnte, brachte mich endlich auf den Geschmack von Carbon. Das fuhr ja quasi von allein den Berg hoch. Dazu das betörende „Tscht-Tscht“ einer elektrischen Schaltung.

Dann kam M. nach Hause mit einer Idee. Cannondale. Sehr geradlinige Rahmen ohne Schnickschnack. Das SuperSix Evo Hi-Mod gilt dazu noch als eines der besten Räder der Welt. Her damit!

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SuperSix Evo Hi-Mod Dura Ace 2 aus dem 2016er Katalog. Bildquelle: Cannondale.com

Spaß beiseite. Neben der Frage, ob man das Geld mal eben parat hat, zögerte ich: Kann man tatsächlich so viel für ein Rad ausgeben? Ist das nicht unanständig? Verschwendung? Kann man sich anmaßen, ein Rad zu fahren, auf dem die besten Profis unterwegs sind?

Sämtliche mich sportlich umgebende Herren waren sich einig.

„Gönn dir mal was“, sagte der Coach, eigentlich ein sparsamer Mensch. „Und nimm Dura Ace oder besser!“

„Geiles Teil. Kaufen!“ kommentierte der in materiellen Dingen recht bescheidene Ex-DDR-Schwimmkader-Kollege A. mit Blick auf die Website.

„Super Six! Super Six!“ intonierte M. auf dem Weg zum Händler.

Für jemanden, der große Auswahl hasst, war damit wunderbare Vorarbeit geleistet. Ich brauchte nur noch aus wenigen Modellen im Katalog zu wählen, von den vorhandenen Ausführungen sagte mir sowieso nur eine zu.

„Winter und Frühling. Und die restliche Zeit muss ich in den Keller“, stellt das Verago düster fest.

„Nix Keller“, sage ich. Viel zu gefährlich am Prenzlauer Berg. Und wie könnte ich auch.

Verago, mein Verago. Sogar mein Name steckt in diesem Rad. Genauer gesagt, ist „Verago“ ein Anagramm zu „Eva go R“ – wobei das „R“ natürlich für Riding steht. Das ist jetzt wieder so Zeug, das einem erst nach stundenlangem einsamen Kurbeln einfällt. Der Alltagsmüll sickert aus dem Kopf wie Wasser aus einer Regentonne mit Riss, und stattdessen tauchen kleine, langsame Gedanken auf und schlängeln sich durchs Gehirn. Eva Go Riding! Wie kann ich ein neues Rad überhaupt nur in Erwägung ziehen?

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Das Verago und ich. Es kann sich eigentlich nicht beschweren, wir sind schon was rumgekommen.

„Nimmst du das Verago halt für die Rolle“, schlug der Coach vor. Die Rolle! Strafgefangenenlager! Der Mann kann manchmal wirklich kaltschnäuzig sein. (Zu seiner Verteidigung sei gesagt, er ist es auch gegen sich selbst. Lief mal einen Halbmarathon mit Bandscheibenvorfall. Aber das ist eine andere Geschichte.)

„Bitte nicht auf die Rolle“, sagt das Verago. Es klingt geradezu verzweifelt.

Das kann man ja sehr gut verstehen. „Nach draußen, wann immer es geht!“ verspreche ich. „Rein in die Nebelsuppe, in Regen und in Matsch. Schönwetterfahren können andere!“

„Au ja, au ja“, quietscht es zurück.

Prompt platzte die schon beschlossene Anschaffung. Ein gewisses Hin und Her mit einem gewissen Berliner Radhändler zog sich, bis meine ideale Rahmengröße nicht mehr verfügbar war. Verago und ich für immer?

Aber das eigentliche Problem bestand weiterhin. Im letztjährigen Bike Fitting staunten die netten Herren von Synergy Pro, in etwa vom gleichen Jahrgang wie das Verago, nicht schlecht. Ich hänge viel zu langgestreckt auf diesem Rad, wie man das halt so machte im ausgehenden letzten Jahrtausend. Nicht mehr zeitgemäß, nicht gerade ökonomisch. Es mit kürzerem Vorbau und neuem Lenker zu versehen stört aber die klassische Optik.

Mich überzeugt vor allem die Möglichkeit, die Hände beim Schalten am Lenker lassen zu können. Beim Fahren im Feld durchaus förderlich.

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Nicht weniger als ein Traum. Bildquelle: Jaegher.com

Irgendwann im Verlauf des Cannondale-Debakels stellte M. die entscheidende Frage. „Was ist nun eigentlich mit Jaegher?“

Jaegher. Airlight Steel Race Cycles. Tailor-made in Belgium. Eine Radmarke, in die ich mich spontan verliebte, als ich zum ersten Mal darüber las. Eigentlich hat das nie aufgehört. Jaegher war das geheime weitere +1 zu meinem N, das endlich 2 sein soll. Nicht dass diese Wahl weniger großspurig wäre. Kristof Allegaert fährt beim Transcontinental Race zweimal als Erster ins Ziel – mit einem Jaegher.

Ach, gönne ich mir doch mal was.

Und nun habe ich einen Termin. Und liege morgens wach. Denke darüber nach, was  alles entschieden werden muss. Ausstattung, Übersetzung, Laufräder, Farbe.

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Farben des Traums. Bildquelle: Jaegher.com

Und kann in Ruhe mit dem Verago verhandeln.

„Was ist mit Herbst, da gibt’s auch Nebelsuppe?“ fragt es. Es hat schon wieder Boden gewonnen.

„Lässt sich sicher mal einrichten.“

„Und die großen Klassiker-Ausfahrten? Lutherstadt Wittenberg, Eisenhüttenstadt, auf schlechten Straßen durch den Spreewald?“ bohrt es weiter.

„Warten wir es ab…“

„Und was ist mit einem neuem Lenkerband?“

„Jaaaa?!“

„Jetzt gleich?“

„Oh, bitte!“ sage ich. Es ist 04:23 Uhr. Manchmal glaube ich, ich lebe in einem Irrenhaus.