Wenn es M. nicht gäbe, mein Leben auf dem Rad wäre nur Kilometer und Kalorien.

„Einen Frühlingsklassiker sehen, wär‘ das was? Könnten auch noch beim Genter Altar vorbei. Und bei Jaegher“, schlägt der vor. Und schon ist mein Leben auf dem Rad auch Kultur, Kunst und Kommerz.

„Schon wieder Urlaub?“ staunen die Kollegen. Nennen wir es Recherche, oder Fan-Mission. Roger Kluge, der Berliner Jung‘, startet schließlich auch bei der 100. Ronde van Vlaanderen.

M. tut sogleich einen Team-Bus auf. Bei Paul Camper wird ein VW T4 Transporter gebucht, der auf den zutraulichen Namen „Herr Nilsson“ hört. Diesmal machen wir es uns gemütlich: Statt dem 14-Liter-Saddle pack nehmen wir riesige Reisetaschen. T-Shirt-Auswahl. Mehrere Paare Schuhe. Komfort wie in einem begehbaren Schrank.

Die lustige Fahrt führt über Magdeburg durchs Weser Bergland. Überall beneiden wir die ansässigen Freizeitfahrer, die wir zwar nicht sehen, aber hier vermuten, um ihre schönen Landstriche. Wellig haben die es! Malerische stillgelegte Fährübergänge, wo man vorzüglich über Nacht stehen kann! Sternenhimmel. Die Geräusche der Kühe vom anderen Ufer klingen wie aus zwei Meter Entfernung. Das große Kramen im Team-Bus beginnt.

In Lemgo am Markt lässt sich Kaffee trinken wie in einem französischen Städtchen, außer dass es verboten ist, das Mobiliar zu verrücken. Dafür bekommt man Laugengebäck. Dann heißt es Gas geben und Autobahn, damit wir auch mal ankommen.

In Oudenaarde, Herzstück der Flandern-Rundfahrt, stehen wir Wohnmobil an Wohnmobil auf einem kargen Parkplatz. Wer sich (wie ich) vorgestellt hat, wir könnten Herr Nilssons Dach besteigen und von dort unterm Sonnenschirm das Renngeschehen betrachten, nur hin und wieder unterbrochen von einem müßigen Griff in die Kühltasche nach dem nächsten Bier, der irrt. Erst müssen wir durch die Absperrungen brechen, müssen herausfinden, wo wann entlang gefahren wird, denn trotz Ronde-eigener App ist das gar nicht so einfach.

Das Ziel ist reichlich ungastlich auf einem Autobahnzubringer platziert. Am Samstag Abend sehen wir die Hobbyfahrer einsam eintrudeln, da wird niemand mit Namen angesagt. Kehrseite der belgischen Radsportbegeisterung – ist das hier selbstverständlich?

Am nächsten Morgen dann ist deutlich mehr los. Die Massen rotten sich in Oudenaarde zusammen, gefolgt von den echten Team-Bussen, die sich in den Ort wälzen. Das Publikum ist mehr Six Days als Berliner Fahrradschau. Man kann sich gut vorstellen, dass Adriaen Brouwer, stadteigener Maler, noch heute Motive für seine saufenden, Zotten reißenden Bauernlümmel finden würde.

Auch der Himmel ist wie von einem flämischen Meister gemalt. Pastellfarben blautürkis, hingehauchte Wölkchen. Es ist Frühjahrsklassiker-untypisch schönes Wetter.

Am Koppenberg mit seinen bis zu 22%, für den wir uns nach einigem Hin und Her entscheiden, ist das Pflaster trotz des trockenen Wetters leicht schmierig. Das sieht hier ja schon zum Hochlaufen steil und unbequem aus. Die Uhr tickt, die Menge findet sich ein. Aus den Funkgeräten der Ordnungskräfte wird das Rennen bruchstückhaft übertragen.

Dann kommen sie, der Hubschrauber flappt schon seit zwanzig Minuten über uns.
Konzentrierte Gesichter, Blicke geradeaus, Greipel an zweiter Position. Definierter,  braungebrannter, als ich sie mir vom Fernsehen her vorgestellt habe. Langgezogene Glieder, ausgearbeitete Körper. Nackig sehen sie aus, nur von etwas hautengem Trikotstoff überzogen. Sagans muskulöse Schenkel, Cancellaras Haar lockt sich im Nacken. Bilder, die sich in die Netzhaut brennen.

Es sieht in der Übertragung oft so schnell und einfach aus, aber erst hier, in diesen kurzen Sekunden, in denen sie an uns vorbei den Koppenberg hinaufziehen, realisiere ich, was für Maschinen aus Muskeln, Fleisch und Kochen sich da bewegen. In der engen Gasse sind sie für einen Moment hautnah. Aufregend ist das, wir vergessen glatt, Fotos zu machen. „Da ist Kluge“, ruft M., als der schon längst vorbei ist. Die Fahne haben wir eh vergessen.

Am Ende gewinnt Sagan, der im echten Leben viel kleiner wirkt als in den Medien. Wir stehen 200 Meter vor der Ziellinie, er schaut sich um vor dem Jubeln (oder will vielleicht schon mit Wheelie ins Ziel fahren?).

Am nächsten Morgen sehen wir die Szene im Fernsehen einer Bar nochmals von oben. Auch, wie Cancellara abgeschlagen als Zweiter über die Linie fährt, auf diese merkwürdige Art und Weise von einer Seite zur anderen schuppernd. Der gestürzte Van Avermaet weint bitterlich vor der Kamera. Erst da fällt mir wieder ein, wie jung viele der Fahrer sind, kaum Männer, auch wenn sie Körper haben wie abgemagerte Chippendales.

Wenn man das Rennen von vorn bis hinten verfolgen will, dann, denke ich, ist das Fernsehen wohl vorzuziehen. Vor Ort ist es ewiges Warten, Bier trinken und nationalistische Fähnchen schwenken für ein paar Sekunden Tour de France-Hupen, den aufflammenden ohrenbetäubenden Krawall, ein paar echte Augenblicke.

Aber diese unfassbare Dreidimensionalität des Geschehens, der Körper. Stunden später vor dem Genter Altar, als ich dieses Malerwunderwerk aus Licht und Glanz und Schatten bewundere, da wünschte ich, Jan van Eyck hätte sich einmal diese Motive vornehmen können. Was er wohl daraus gemacht hätte?