Fußball ist zugunsten des Radsports in meiner Beziehung inzwischen weitgehend ausgemerzt, aber hin und wieder gibt M. sich noch der Sportschau hin, vor allem zu Beginn der Bundesliga. Man findet den Mann dann auf dem heimischen Sofa, wo er in ruhiger, bestimmter Art dem Fernseher Anweisungen erteilt, untermalt von klaren Gesten.

Ich beobachte das gern vom anderen Zimmer aus, schon ganz wie meine Mutter, die komplette Spielfilme auf diese Weise mitschaut, vom dunklen Flur durch die schmale Türöffnung, weil sie sich „den Blödsinn eigentlich nicht antun will“. Bei uns sind das immerhin die offen stehenden Flügeltüren des Berliner Altbaus. Ist trotzdem nur geringfügig weniger sonderbar.

In einem dieser Momente jedenfalls habe ich es gehört. Schalke war am Verlieren, es drohte ein trister Samstag Abend zu werden. „Hunter rein!“ wies M. den Fernseher an, um das Schlimmste zu verhindern. Gemeint ist natürlich Klaas-Jan Huntelaar, treuer Stürmer auf Schalke seit fast sechs Jahren.

Hunter rein! denke ich, als ich in die Kurve bei Willmersdorf gehe, die einzige auf meiner sonst geraden 5-Kilometer-Strecke, und meine damit natürlich das Jaegher. Ich habe mir so ein Zeitfahren nach Joe Friels Trainingsbibel vorgenommen, um irgendeine Schwelle zu ermitteln. Eigentlich habe ich mich auf diese Fahrt geschickt, um etwas anders zu machen.

Mitten im Hochsommer, und da kommt dieser Knick. Fahren ist nicht nur toll und frei und endlos, sondern fragwürdig und mühsam und eintönig. Ich hasse die ewig gleichen Hausrunden, ich hasse jede einzelne Ampel bis zum Stadtrand, ich hasse das flache Land, das Festkleben auf am Asphalt. Ich könnte meinen, ich habe eine Fahrblockade, aber ich fahre. Fünfundzwanzig Mal auf den Teufelsberg, weil ich es einem älteren Herrn auf Stahl verspreche, der bei der dreizehnten Auffahrt des Weges kommt.

Letztes Jahr war alles noch einfach. Ich wollte Kilometer, auch Höhenmeter, so viele, wie ich an einem Tag nur schaffe. Das nannte sich Radmarathon, drei davon ausgesucht, zack war klar wie der Sommer läuft. Meine Welt war überschaubar.

In diesem Jahr sollte es ähnlich werden. Dann geriet ich auf Abwege, fuhr das Jaegher nach Hause, schön zehn, zwölf Stunden am Tag. Las darüber, wie andere Brevets fahren, bei denen es plötzlich um 600 Kilometer oder gar um einen vierstelligen Bereich geht. Spüre dem Spaß an der Geschwindigkeit in Radrennen nach, die für jedermann zugänglich sind. Und plötzlich bin ich am Grübeln, was ich eigentlich auf dem Rad will. Plötzlich schaue ich vom dunklen Flur aus durch den Türspalt auf das bunte Parkett der Pedalierenden, die alle so gut zu wissen scheinen, was sie als nächstes wollen und können.

Viel ist immer gut, sagte ich meiner Freundin A., die meine Etappen von Belgien nach Hause in Frage stellte. Das ist ein Axiom, da ist nicht dran zu rütteln. Aber muss ich, um viel fahren zu können, nicht auch vernünftig fahren? Lehren mich das nicht all die Trainingsbücher, die ich gern kaufe und dann ungelesen auf dem Nachttisch drapiere, wohl in der Annahme, Muskelkraft diffundiert allein durch die sportlich gehaltenen Buchdeckel, wenn ich nach dem Fahren die Beine hochlege?

Das Axiom, das nicht Hinterfragbare: Früh aufstehen und mich aufs Rad schwingen, ohne Vorschriften. Mit bleierner Müdigkeit in den Knochen in Luft eintauchen, die nie so frisch ist wie um diese Stunde. Kilometer machen, während andere noch zur Kaffeemaschine schlurfen. Unbeschwert dahin kurbeln, wenn die Sonne noch zögert. Dafür ist doch der Sommer gemacht. Was kann daran nicht genug sein?

Wenn ich darüber nachdenke, dann ist es nur der Kopf, der zaudert und zagt. Der immer schon vorausfährt, der meint, ich müsste dies und das tun, es müsste so oder so laufen, ich müsste in einer bestimmten „Form“ sein. Der Kopf, das ist der wahre Kartoffelsack, den ich hinter mir her schleppe.

Wenn erst die Beine übernehmen, wenn ich erst unterwegs bin, außerhalb der blöden Ampeln, fernab der allzu bekannten Wege, dann legt sich der Schalter um, der Kreisel dreht sich langsamer, das Denken dehnt sich. Fahren ist wieder reiner Genuss, auch wenn es mal weh tut, wie auf dem letzten von fünf schnellen Kilometern. Und das ist doch, was am Ende zählt. Wen kümmert da irgend so eine Schwelle.

Also Hunter rein? Ich meine ja, unbedingt. Hunter rein!