Das Schmeichelhafte am „Bloggen“ (bei dem Wort fühle ich mich wie ein Betrüger – ich fahre doch nur und schreibe irgendwas dazu!) ist, dass man gelegentlich um ein Interview gebeten wird und sich gleich etwas wichtiger vorkommen kann. Das passiert zum Beispiel (bzw. mir nur) im Rahmen des sogenannten „Liebster Award“, der ausdauernd durchs Netz geistert.

Der Aufgeforderte beantwortet elf Fragen, und stellt dann wie bei einem Kettenbrief elf weiteren Bloggern die gleichen oder andere Fragen.

Beim ersten Mal hat sich das Verago noch wichtiger gefühlt als ich und alles an sich gerissen. Jochen Kleinhenz Fragen haben mich allerdings so angesprochen, dass ich sie selbst beantworten möchte. Danke für die Einladung, Jochen! Das Verago ist glücklicherweise gerade auf der Rolle eingespannt und schweigt beleidigt vor sich hin.

***

1. Wann hast Du mit dem Bloggen angefangen und warum?

Vor einem guten Jahr. Ich lese selbst gern Erlebnisberichte von Touren und Veranstaltungen und dachte, ich könnte vielleicht etwas beitragen.

Ein bisschen war das auch wegen meiner Eltern. Mit den Jahren wird mir mehr und mehr bewusst, dass ich die Anknüpfungspunkte nutzen möchte. Mein Vater erfreut sich sowieso an allen radsportlichen Geschehnissen in meinem Leben, überraschenderweise ist es aber meine Mutter, die den größten Spaß daran hat, wenn etwa ein fremder Blogger einem ebenso fremden Verago hinterher jagt, nur um ein Foto für mich zu machen.

img_2680_600
Team Verago 2015

2. Hat das Bloggen Auswirkungen (auf deinen Medienkonsum, deine Sichtweisen, deinen Umgang mit Information oder Sprache, Reaktionen aus deinem Umfeld etc.)?

Zu Anfang habe ich eine ganze Menge Radblogs recht intensiv verfolgt. Es gab gerade die Wahl zum Top Fahrradblog 2015 von fahrrad.de, die auch jetzt wieder läuft, und ich habe mir über 200 Blogs angesehen.

Das ging irgendwann so weit, dass ich träumte, ich sei mit dem Randonneurdidier (den ich noch nie in Person getroffen habe!) auf einem Brevet in den Bergen unterwegs, und auf einer verlassenen Hütte musste ich feststellen, die hatten mich allein dort sitzen lassen, ich kannte den Weg nicht, und es wurde dunkel. Nach allem was ich so lese, würde einem so etwas mit den Randonneuren wohl nicht passieren, aber ich nahm es trotzdem als Anlass, den Konsum etwas einzuschränken.

Inzwischen verfolge ich nur noch einige Blogs wirklich regelmäßig, nehme aber (zumindest innerlich) dann auch wirklich Anteil.

3. Wieviele Fahrräder besitzt Du und welches ist dein bevorzugtes?

Neben den geliebten und häufig erwähnten Verago (Jahrgang 1988) und Jaegher (2016) – Tradition gegen Moderne, es steht unentschieden! – gibt es noch ein weiteres, ein Cannondale Bad Boy, das ich ziemlich stiefmütterlich behandle, obwohl ich damit fast jeden Tag unterwegs bin und schon einiges erlebt habe.

Als ich es 2008 kaufte, wollte ich unbedingt endlich so ein Rad mit diesem typischen dicken Unterrohr besitzen. Damals sind M. und ich gelegentlich durch den Grunewald gebraust, aber bei weitem nicht über solche Distanzen wie heute.

Einmal fand M., wir müssten zum Kloster Chorin. Laut Karte hatte eine einfache Strecke bereits über 60 km, ich dachte aber irrationalerweise, das würden insgesamt schon nicht mehr als 100. Unterwegs ging es immer wieder gut über Stock und Stein. Als wir etwa tausend Jahre später wieder das äußerste Ende von Berlin erreichten – ausgerechnet über die Landsberger Allee, die längste Straße der Stadt – fielen mir fast die Beine ab. Von dort aus sieht man immerzu den Alex in der Ferne, aber er kommt und kommt nicht näher.

Jedenfalls postete M. dann auf Facebook, er sei 150 km gefahren, „Eva immer am Hinterrad“. Einer meiner damaligen Chefs sah das und äußerte tags darauf, ich hätte M. wohl im Auto begleitet. Was für eine Frechheit!

img_3467_600
Team Cannondale 2014

4. Wie unterscheidet sich Radfahren heute im Vergleich zum Radfahren in deiner Kindheit?

Radfahren heute: Die Leute haben einen Personal Trainer und kennen ihre sogenannten Leistungszonen, bevor sie überhaupt mal 100 Kilometer am Stück gefahren sind. Und das heißt auch noch lange nicht, dass sie das jemals tun werden. Früher hatten wir Trittfrequenz, Ortsschild-Sprints, und die besser Gestellten vielleicht noch eine Goretex-Jacke.

Na gut, schlimm ist das eigentlich nicht, aber mir geht das Getue drum herum manchmal auf die Nerven. Trainieren mit Elektroschocks, Faszienrolle, Pro-Irgendwas und was es noch alles braucht. Ich glaube, um etwas zu erreichen, muss man sich anstrengen, alles andere ist Augenwischerei. Natürlich will auch nicht jeder „etwas erreichen“. Andererseits kaufe ich jemandem mit einer teuren Ausstattung und einem individuellen Trainingsplan nicht ab, dass es dem um gar nichts geht.

Verkehrstechnisch finde ich den Vergleich schwierig, weil ich in einer Kleinstadt lebte und heute in Berlin. Wir haben uns auf jeden Fall schon früher über die Autofahrer aufgeregt, und bestimmte Straßen waren genauso tabu wie heute.

5. Welches Fahrraderlebnis bleibt dir, positiv oder negativ, auf immer im Gedächtnis?

Darüber habe ich viel nachgedacht. Es gibt ja auf dem Rad immer wieder diese Momente von Glück oder Verzweiflung, die eine bestimmte Tour, einen Tag zu einer legendären Angelegenheit machen. Davon häuft sich mit der Zeit einiges an.

Aber mir fällt ein ganz anderes besonderes Erlebnis ein. Bevor M. und ich ein Paar wurden, waren wir einmal mit Kollegen auf ein paar Biere verabredet, und ich war ohne Rad unterwegs. M. bot mir kurzerhand an, auf dem Rahmen seines dunkelblauen Bianchis Platz zu nehmen. Ich fasste den Lenker innen, er außen, und so kutschierte er mich die zwei Kilometer zu der bewussten Bar.

Das waren irgendwie ziemlich intime Minuten, das gemeinsames Balancieren, der geringe körperliche Abstand. Möglicherweise hatte es auch etwas Archaisches, „die Beute in die Höhle schaffen“ oder so.

Zumindest auf mich wirkte das wie eine Art Brandbeschleuniger. Ich kann allen Herren nur empfehlen, das ab und an zu machen! Ich bin überzeugt, es hilft auch nach zwanzig Jahren Ehe. Und natürlich ist es auch ein weiterer Grund für gutes altes Stahl, wer packt sich schon gern 50 oder 60 Kilo auf den Carbonrahmen?

img_0315_450
Team Jaegher 2016

6. Fahrrad: Fahren, Schrauben, Verkehrspolitik, … – welcher Aspekt nimmt für Dich am meisten Raum ein? Würdest Du lieber anders Schwerpunkte setzen?

Fahren! Ich träume von längeren Strecken. „Länger“ in meinem bescheidenen Rahmen. Und nein 🙂

7. Beteiligst Du dich an »politischen« Aktionen rund ums Radfahren (z.B. Bürgerinitiative, Critical Mass, Stadtradeln, »Mit dem Rad zur Arbeit«, Veranstaltungen zur Mobilitätswende etc.).

Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit, schon immer. Ich finde das praktischer als mit dem Auto oder den Öffentlichen. Mein Bruder und ich sind so erzogen worden und haben es interessanterweise beide beibehalten, auch wenn wir uns in anderen Dingen jeder auf seine Art vom Elternhaus weg entwickelt haben.

Das eigene Tun als politisch zu betrachten, wo fängt das überhaupt an? Ich brauche zum Beispiel nicht alle zwei Monate ein paar neue Schuhe oder fünf neue Sofakissen, um zufrieden zu sein. Ich gehe selten und ungern shoppen (wann auch – Samstags gehe ich Radfahren). So zu leben ist für mich keine besondere Anstrengung, bringt aber eine gewisse Nachhaltigkeit mit sich. Ist das politisch?

Was ich allerdings gern mache, ist, die jungen Kollegen zu belehren, dass sie sich mehr aufs Rad schwingen sollen. Das ist zu reizvoll, wenn ich bei 10 Grad und etwas Nebel morgens im Fahrstuhl gefragt werde, ob ich „etwa immer noch“ mit dem Rad zur Arbeit komme: „In eurem Alter …!“

img_4072_600

8. Ist Radfahren für Dich etwas Besonderes (Feierabendrunde, Tour etc.) oder fester Teil der Alltagsmobilität? Fühlst Du dich im Alltag wohl und sicher auf dem Fahrrad?

Radfahren ist Fortbewegung im Alltag und, vor allem mit dem Rennrad, etwas Besonderes. Wohl fühle ich mich immer auf dem Rad, aber nicht unbedingt sicher. Ich fahre täglich durch Berlin Mitte, am Hackeschen Markt, über die Museumsinsel und Unter den Linden entlang. Es ist eine tolle Kulisse, aber es gibt sehr oft knifflige Situationen.

Ich versuche, mich komplett auf den Verkehr zu konzentrieren und mit allem zu rechnen. Und ich sitze ja nun einigermaßen „wendig“ auf dem Rad. Ich kann schon verstehen, wenn die Leute sagen, das ist ihnen zu gefährlich. Neben dem, was infrastukturell nicht stimmt, mangelt es einfach sehr an Rücksicht, und zwar von allen Seiten.

9. Fährst Du öfter alleine Rad oder in Gesellschaft (Gruppe, Freunde, Familie etc.)? Warum?

Ich fahre meistens allein oder mit M. Wenn sich bei einer RTF oder so mal eine Gruppe ergibt, finde ich das nett und genieße das höhere Tempo, und eigentlich will ich mir immer mal wieder eine Gruppe suchen, um, wie es einer meiner Sportlehrer ausgedrückt hätte, nicht immer „im Waldschleichergang“ vor mich hin zu zuckeln.

Aber dann mag ich es auch, einfach loszufahren, wann ich will, unabhängig, ohne Verabredung, vor allem ohne Trikotzwang! Langweilig ist mir dabei eigentlich nie. Und wer würde mich auch schon Samstag morgens um 8 Uhr begleiten wollen, zumal ich die ersten zwei Stunden vermutlich eh nichts reden würde?

img_4353_600

10. Wenn Du deine Passion »Fahrrad« eintauschen könntest, was würdest Du stattdessen wählen? Würdest Du darüber bloggen?

Wenn mit Passion etwas gemeint ist, was ich gern gut können würde (ohne damit sagen zu wollen, dass ich gut Radfahren „kann“), so wäre das, eine exotische Fremdsprache fließend zu sprechen. An Japanisch habe ich mir einige Jahre meines Lebens die Zähne ausgebissen.

Ein Thema, über das zu Bloggen ich mir vorstellen könnte, ist die ständige Frage, wie  vernünftiges, „menschliches“ Management in erfolgreichen Unternehmen geht. Darüber tausche ich mich berufsbedingt sehr viel aus, dazu wird viel veröffentlicht, es gäbe genug Stoff. Aber aktuell möchte ich meine verfügbare freie Zeit nicht auf ein so großes Thema verwenden.

11. Dein Lieblings- (-buch, -film, -platte, -autor, -künstler etc.)?

„Tage der Toten“ von Don Winslow über den mexikanischen Drogenkrieg hat mich sehr beeindruckt, würde ich aber nicht jedermann empfehlen, da die Erzählung auch ziemlich grausam ist.

In den letzten Jahren blieb mir der argentinische Film „In ihren Augen“ (2009) lange im Kopf, auch „Dead Man Down“ (2013) hat irgendetwas hinterlassen (nicht zu verwechseln mit „Dead Man“ oder „Dead Man Walking“).

Ach ja, und M. würde sicher darauf bestehen zu erwähnen, dass wir ab und zu wüste Blockbuster ansehen müssen. Neben Radfahren hilft mir eben auch, den Alltag hinter mir zu lassen, wenn Jason Statham die bösen Jungs gründlich verprügelt.

***