M. ist ein Mann mit vielen Talenten. Eines davon ist die Kunst des perfekten Geschenks. Vor Jahren hatten wir das Raumschiff im Video einer Radsport-Marke entdeckt. Es steht auf einem Berg im tschechischen Böhmen. Angeblich konnte man dort Zimmer zur Übernachtung mieten, was uns nie gelang, immer war alles ausgebucht.  

Ich vergaß es irgendwann, bis ich zum diesjährigen Geburtstag einen Gutschein bekam. Monatelang hatte M. die Buchungsportale belauert. 

Und nun stehe ich hier, oberhalb des Anstiegs, hinter mir vielleicht zwanzig Höhenmeter, oder sollten es gar dreißig gewesen ein, und japse nach Luft. Dabei sind wir noch nicht einmal oben, geschweige denn ist das hier der richtige Berg. Diese Beine können das doch nicht gewesen sein, die vor zwei Wochen noch 24 Stunden am Stück pedalieren konnten?! Diese Beine, das sind doch nicht meine! 

Der Samstag hatte früh begonnen. Wir hatten den Zug nach Dresden schon um 7 Uhr genommen, in der Hoffnung, man könne sich auf der Fahrt noch einmal zusammenrollen.

Stattdessen Heckmeck, Dutzende Reisende drängen sich durch die Abteile, wir erwischen das mit der Fußball-Junggesellen-Irgendwas-Truppe. Bier vor morgens um 8 und ey, mach mal Mucke lauter, Alter! Wenn die Beschallung wenigstens aktuell wäre. Stattdessen läuft Cindy Lauper und Roxette, she’s got the look. Irgendwann muss ich doch lachen. So freut man sich gleich noch mehr auf die Stille beim Radfahren.

Die Straßen sind noch nass, als wir uns gen Elbe aus Dresden heraus schlängeln. Das Jaegher nach 1.000 Kilometer Schwergewicht-Soma. Was hatte ich mich gefreut!

Aber ach. Ich schlingere herum. Nichts mehr mit über Schienen, Steine, Scherben brettern. Das feine Rädchen reagiert auf den kleinsten Hubbel, auf jeden winzigen Schlenker. Ich fühle mich wie die Prinzessin auf der Erbse.

Und dann das Gepäck. Übermütig bin ich geworden, nachdem ich zuletzt so schlank gepackt hatte. Lauter Luxusartikel, ein extra T-Shirt, eine Gesichtscreme, einen Spanngurt nur aus Nostalgie. Die letzte Runde, das Aussortieren alles Unnötigen, habe ich großzügig ausgelassen. Jetzt hängt mir der Rucksack (ging doch sonst auch immer!) schwer im Kreuz, und die Beine geben nix her. Man erholt sich wohl nicht von so einer Tour, indem man im Bett liegt und Schokolade isst. Aber manchmal muss das halt sein.

Dabei ist es wunderschöner Schmuseasphalt, als wir erst raus aus Dresden sind und die Elbe entlang rollen. Gleicher Fluß, anderer Tag, anderes Rad. Und noch ist es flach, flach und touristenarm.

Und Graveln kann man auch. Hinter dem Städtchen Wehlen (Radfahrerkirche!) geht es weg von der Elbe und auf ein für den motorisierten Verkehr gesperrtes Weglein, loser Untergrund nennt Komoot das. Auf Erde und etwas Schotter fahren wir durch den Wehlener Grund, rechts und links hoch aufragende Gesteinsformationen. Ein Wanderer fotografiert einen Feuersalamander, der sich, ein Blatt auf den Rücken gepappt, langsam davon schleicht.  

 

Dann das Kirnitzschtal hoch bis zur tschechischen Grenze, ach ist das schön hier. Das finden andere auch. Die Spielzeugwagen der Kirnitzschtalbahn begleiten uns rechts der Straße, das Queren der Schienen, um Autos vorbei zu lassen, hält wachsam. Und an diesem Samstag Vormittag haben wir vermutlich noch Glück mit der Besucherdichte.

Mitten in der Pampa dann über die Grenze, wieder eine schöne Forststraße, und aufwärts. Das ist wie Wandern auf dem Rad hier. In meinem Fall auch nicht schneller.

M. vermutet eine Armstrong-Finte. Er sieht mich misstrauisch an. Ich wolle ihn doch nur in Sicherheit wiegen, plane vielleicht einen hinterhältigen Angriff? So viel zur Romantik des gemeinsamen Radfahrens.

Dafür ist die Gegend mehr als romantisch. Schwarzwald zwischen den Bäumen und Allgäu auf dem freien Feld, beschließen wir. Die dunklen Gebindehäuser mit ihren schönen Verzierungen, hie und da etwas herrschaftliches dazwischen. Ich denke oft an Piroschka kommt mir in den Sinn, wenn auch das Ungarn war.   

90 Kilometer sind es nur am ersten Tag, erst gemeckert, jetzt bin ich froh darüber. Prompt setzen kurz nach der Ankunft hinter Chřibská, wo wir ein Zimmer unter dem Dach eines der typischen Häuschen gefunden haben, starker Regen und Gewitter ein.

Irgendwann fällt uns ein, dass wir für den Gang vier Kilometer zurück in den Ort einen Schirm vom Gastgeber leihen könnten, und nehmen den Fußweg zu den böhmischen Knödeln in Angriff, erleichtert, dass das Abendessen aus mehr als Drogeriemarkt-Riegeln bestehen wird.

 

Am nächsten Morgen ist strahlender Sonnenschein vor den blauen Bergen. Unsere Wirtin drückt mir den Wasserkocher in die Hand, damit ich für M. und mich Pulverkaffee mache, geht auch. Das Frühstück ist ansonsten ordentlich, es gibt Brötchen, Käse, Wurst und für jeden ein Ei. Es soll später wichtig werden, denn unterwegs werden wir fast keinen Nachschub finden.  

Draußen wartet dampfend ein feines Asphaltband, das uns durch nebelverhangene Nadelbaumwälder über die nächsten Anhöhen führt. Auf und ab geht es heute, auf und ab. M. mit Heldenkurbel, ich denke mir erst nichts dabei, irgendwie habe ich ausgeblendet, dass das Raumschiff auf über 1.000 Metern Höhe steht.

Auf einen weiteren Forstweg biegen wir ein, der kiesige Teil ist in Ordnung, etwas später wird es zunehmend matschig, ich schiebe das Jageher an der Seite des Weges über Gras. So also kann offroad-Fahren sein, wenn es nass wird. 

In der Ferne können wir es schon erkennen, das Raumschiff, auf dem höchsten Gipfel des Jeschkengebirges, erst stecknadelkopfgroß, dann rückt es langsam näher. Und nichts ist los in den Dörfern. So verlassen die Gegend an einem warmen Sonntag vormittag liegt, so schön die schmucken alten Häuser hier stehen, ein einziges Dorf hat so etwas wie ein Café, und da fahren wir vorbei. 80 Kilometer heute, das geht auch mal nur mit Frühstück, aber das Wasser wird uns knapp.

Schließlich sprechen wir eine Frau am Straßenrand an. “Dobrý den, prosím …” Am Abend noch haben wir ein paar Brocken aus dem Netz zusammengesucht. So ganz ohne es wenigstens zu versuchen finden wir unhöflich. Sie wechselt mit breitem Lächeln ins Englische, oh ja, gern füllt sie die Flaschen auf, wo wir denn hin wollten, wo wir denn her kämen, schön hier, nicht wahr, ja sehr!

Gerade rechtzeitig, denn schon geht es hinauf, wir sind an den Fuß des Ještěd gelangt. Eine steile Straße führt quer hoch durch den Ort Rozstání. Weiter oben flacher, dann eine Reihe von Serpentinen, Parkplatz, ab da steil zum Gipfel, hoch über unseren Köpfen die Gondel. Auf der Karte sah es einfach aus. Es zieht sich trotzdem, es verblüfft mich immer wieder, wie einfach Radfahren manchmal sein kann, und wie schwer ein andermal.

M. würgt sich auf seinem 40er Blatt neben mir hinauf, aus Solidarität will ich nicht auf mein kleinstes Ritzel schalten, aber ich halte nicht durch. Auf dem Garmin sehe ich genau, welche Kurven noch kommen. Ausflügler versperren den Weg, wir sind weit und breit die einzigen auf dem Rad, man sieht uns, wenn überhaupt, mit Befremden an. Wir müssen doch nun endlich da sein?

Am Ende umrunden wir steiler und steiler fast noch einmal den kompletten Gipfel, bis wir plötzlich davor stehen. Rechts das Raumschiff, vor uns das Schild, Ještěd 1.012 Meter, links die Terrasse, wo wir uns die einzige Bratwurst teilen, die uns die Ausflügler übrig gelassen haben (der Coach hätte seine helle Freude gehabt).

Erste Regentropfen, im Nu ist alles geräumt. Es ist erst früher Nachmittag, als wir einchecken.

 

Das Raumschiff, der Fernsehturm Ještěd, erbaut zwischen 1966 und 1973, ist Hotel, Restaurant, Aussichtsturm, Sendemast. Die zugänglichen Bereiche sind wie eine Zeitreise in den mondänen Teil der 60er, und man erwartet minütlich den Beißer oder sonst einen James Bond-Schurken zu treffen (Showdown im Winter, dann auf Skiern den Berg hinunter!).

Ich hatte mir das Hotelzimmer beengt vorgestellt – schmale Fenster, die sich nicht öffnen lassen, eine gekrümmte Wand? Und bin sowas von begeistert. Wie das hier aussieht! Da könnte ich ja ewig bleiben, dieses gemütliche Bett, dieser Blick nach draußen – die wechselnden Wolkenformationen zaubern alle paar Minuten ein neues Panorama – all die schönen Details, inklusive fünf Sorten Schnaps in der Minibar.

Im Restaurant leckeres Gulasch, Knödel (natürlich!), gefolgt von Palatschinken mit Kürbisfüllung, Zimteis und Minzmarmelade. Was seltsam klingt, stellt sich als eine ganz ausgezeichnete Geschmackskombination heraus.

Für den nächsten Tag sind allseits Gewitter und Regen ab Mittag angesagt. Wir verkürzen unsere letzte Etappe, streifen Polen nur kurz und fahren geradezu nach Görlitz. Nach der flotten Abfahrt (zehn steile Kilometer auf weniger guten Straßen herunter gebremst, schade darum) ist die Landschaft bald weniger spektakulär. Spektakulär ist, mit welcher Leichtigkeit M. nun jeden Hügel hochrast. Das gestrige Heldenkurbeltraining hat wohl den Muskel geöffnet.

Als gegen 11 Uhr erste Wolken heranziehen, wird das Tempo höher, plötzlich ist das unausgesprochene Ziel, auch die heutige Etappe ohne Regen zu überstehen, ohne ein Wort darüber zu verlieren brausen wir dahin, das geht wieder, plötzlich geht das wieder! – hasten im Zickzack die holprigen Landstraßen entlang, erste Regentropfen, eine scharfe Rechtskurve, raus aus dem Wolkengemisch, Kreiseln im Uhrzeigersinn, Kreiseln wie nur M. und ich das machen: vorfahren wenn man denkt, man kann gerade schneller, man kann den anderen im Wind erlösen, doch Romantik auf dem Rad!

Fünf Kilometer vor dem Ziel holt er uns ein, der Regen, aber es ist nur ein Schauer. In einem Bushäuschen ziehen wir die Jacken über. Ich bin wieder eins mit dem Jaegher, M. zufrieden mit den neuen Radschuhen. Die böhmische Schweiz wandert auf den Stapel der wiederholenswerten Dinge. Vielleicht dann mit dem Soma, vielleicht ohne Spanngurt, mal sehen.  

 

Gesamte Route auf Komoot (265 km, 3.500 hm)

In drei Genußradler-Etappen:
Dresden – Chřibská
Chřibská – Ještěd
Ještěd – Görlitz