Es ist mal wieder soweit. Es drohen Kilometer. Viele. Spätestens drei Tage vor einem Start (je nach Streckenlänge, Wettervorhersage, Untergrund gern auch schon etliche Tage früher) bekomme ich unfassbar schlechte Laune. “Muffig” nennt M. das. Furchtbares Wort.

Das soll Spaß machen? Das soll freiwillig sein? Wie komme ich überhaupt auf so eine bescheuerte Idee. Was soll denn das bringen. Blödes Hobby! Und die Beine sind auch so, als wäre ich noch nie in meinem ganzen Leben überhaupt jemals auch nur einen Zentimeter Rad gefahren. Ich schwör’s!

Wenige tapfere Männer (sprich: M., der Coach) wagen in einer solchen Zeiten todesmutig die Anmerkung, ich könne ja jederzeit abkürzen, umkehren, oder gar nicht starten, wenn es denn wirklich so schlimm sei.

Bitte was? Wo ich schon auf der Startliste stehe? Nicht verhandelbar! Wenn da jetzt jeder sagt, er fährt irgendwo mit, und dann doch nicht, wo kommen wir denn da hin? Nicht gerade weit! 

Einen winzigen Lichtblick gibt es inmitten meines inneren Prologs: Ein echter Prolog kommt nach Berlin. Die Grenzsteintrophy wird am Samstag in Hof starten und die Fahrer im Selbstversorger-Modus entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze bis an die Ostsee fordern. Über 1.250 km Panzerplatten, Gestrüpp und kurze, aber heftige Anstiege, die sich zu 18.000 Höhenmetern leppern.

Und in diesem Jahr gibt es einen Auftakt am heutigen Donnerstag, Fronleichnam und Feiertag in den katholischen Bundesländern. Die Fahrer der GST, und auch Fahrer, die nur beim GST-Prolog mitfahren wollen, treffen sich am Brandenburger Tor, um den Mauerweg entlang zu rollen.

Und weil ich hoffe, dort das ein oder andere bekannte Gesicht zu sehen und sowieso noch etwas Trail-Karma aufzuholen habe (nach dem Candy B. besinnungslos auf dem Sofa gelegen, statt noch mal zum Luftbrücken-Denkmal zu fahren und den ein oder anderen einsamen Finisher zu begrüßen), schmeiße ich den Backofen an und lasse mich dort blicken. Hinfahren ist das neue Mitfahren! Ja gut, bei fünf Kilometer Anreise leicht gesagt.

Ein Dutzend Räder lehnen bereits an den Säulen des Berliner Wahrzeichens, unschwer zu erkennen inmitten der üblichen Touristenschwärme, und müssen auch sogleich (deutsche Ordnung!) wieder von dort entfernt werden.

Vielleicht sind die voll bepackten Fahrzeuge für das ungeübte Auge tatsächlich ein Anblick, der Misstrauen weckt. Ich staune selbst, mit wie viel Gepäck fast alle auf die 160 Kilometer lange Strecke gehen. Zurück auf dem Rennrad habe ich erfolgreich verdrängt, wie das Tempo beim “Graveln” sinkt, und dass man heute nicht zwangsläufig bei Sonnenuntergang wieder am Ausgangspunkt steht. Bzw. dass der Clou der ganzen Veranstaltung für viele Teilnehmer ja das „overnighten“, also draußen schlafen ist.

 

Tatsächlich gibt es Starter, die sich mit der Prolog-Strecke ein verlängertes Wochenende gönnen. Andere wollen morgen zum GST-Start nach Hof übersetzen, und zwei Fahrer machen sich von Berlin aus in umgekehrter Richtung auf die Strecke des Candy B. (tolle Idee!). Alles Kerle. Warum eigentlich?

Ich glaube, das fängt schon beim Gadget-Schnickschnack an, für den sich zumindest mein weiblicher Bekanntenkreis kaum interessiert. Von meinen Freundinnen hat jedenfalls noch keine gefragt, wie ich nun mit dem Garmin zurecht komme. Und M. muss mich quasi zu Aussteiger oder einem dieser Läden prügeln, wenn ich im Urlaub nicht wieder missmutig mit meiner alten Isomatte hinterher trotten soll. 

Aber die Atmosphäre gefällt mir. Irgendwie hat das Pioniergeist, all die zweckmäßig ausgerüsteten Räder, denen man so sehr ansieht, welche Gedanken und Mühe sich ihre Besitzer gemacht haben. Vielleicht liegt es auch an der überschaubaren Gruppe, in der man mit Handschlag begrüßt wird und sich mit Namen vorstellt, das komplette Gegenteil vom Velothon, der am Sonntag mit mehreren tausend Startern hier vorbei hetzen wird.

Mit Mario ein bißchen über den Candy B. sprechen, Christoph endlich einmal in echt treffen, und Gunnar (der sich neben dem Candy B. auch das hier ausgedacht hat) verbreitet sowieso gute Laune. Sogar „der mit dem Sand“ ist da!

Und schon wird das Banner der Grenzsteintrophy ausgerollt, ein paar Touristen aus dem Bild gescheucht, knips-knips-knips, macht gleich was her.

Doch mitfahren? Eigentlich wär’s cool. So ein strahlender Tag. Radfahren ist schon ziemlich toll. Und die Beine gehen eigentlich auch.

Aber die muss ich ja fürs Wochenende aufheben. Da war doch noch was! Oje oje. Viel zu viele Kilometer. Was habe ich mir dabei eigentlich gedacht?

Schwachsinn.

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Gute Fahrt allen Grenzsteintrophysten und Velothonisten! 

Mit anderen Augen: