Jemand, mit dem ich kürzlich ein gutes Stück auf dem Rad unterwegs war, behauptet, ich würde tiefstapeln über das, was ich auf dem Rad zustande bringe. Das stimmt so nicht, ich kann auch anders. Etwa wenn ich nach den ersten 100 Kilometern mit dem Soma über den Acker beschließe, dass dieses Graveln völliger Mist ist, und mich zum 600er-Brevet anmelde. Rennradfahren ist sowieso viel cooler!

Das 400er Brevet hätte es vielleicht auch getan, für den Anfang. Das ist aber schon ausgebucht. Also führt mein erster Ausflug mit den Berliner Randonneuren hoch bis an die Ostsee, über den Darß und wieder zurück nach Berlin.

Wie meist, wenn ich etwas Neues vorhabe, bin ich furchtbar unruhig. Dieses Mal sind es die Streckenlänge und das Format. Soviel habe ich über das Brevet fahren gelesen, aber was weiß ich schon? Es kostet mich die halbe Nacht vor dem Start. Jede Stunde schrecke ich hoch, Blick auf die Uhr. Ist es schon so weit? Am Morgen weiß ich nicht mal mehr, wie ich mich fühle.

Wenigstens ist das Datum schön gewählt. Auf den Tag genau ein Jahr, nachdem ich mit dem Jaegher aus Belgien kommend die Krone hochgerollt bin, mache ich mich auf zum Start beim Amstel House. Wind und Wetter habe ich gecheckt, ich habe sorgfältig gepackt und trotzdem das Gefühl, etwas Wesentliches übersehen zu haben.

Im Amstel House ist eine überschaubare Runde versammelt, deutlich trainierter und gelassener, als ich das bei dem ein oder anderen als RTF getarnten Radrennen erlebt habe. Da ist keiner, der das Vereinstrikot zweimal im Jahr zur Pflichtausfahrt aus dem Schrank zieht. Die hier scheinen sich ihrer Fähigkeiten bewusst, die wirken in ihren Körpern zuhause. Jünger als ich dachte sind sie, die Randonneure, und entsprechen ganz und gar nicht meinem von den Medien geprägten Bild der scheuen Gestalten in unmodischen Klamotten, die vor allem nachts unterwegs sind.

Einige Gesichter kommen mir von Dietmars Blog bekannt vor, aber ich kriege sie nicht auseinander. Hätte ich doch noch mal nachgelesen. Zu spät. Immerhin werde ich mit Namen begrüßt, einer der drei Organisatoren (Ralf? Ingo? Klaus?) gibt mir meine Startkarte und erklärt, wie es läuft.

BPB, LEL, Mille du Sud hier und 600er da, vernehme ich. Sorgen meine gelegentlichen einsamen 300er-Ausfahrten in anderen Runden für offene Münder, so komme ich mir hier vor wie bei der Einschulung. Kindergarten, alles bisherige! Etwas eingeschüchtert sitze ich da und bete innerlich die Kontrollstellen herunter. Lindow 80, Kratzeburg 140, Salem 190. Der Mann, der dies alles bei mir los getreten hat, glänzt durch Abwesenheit.

Aber irgendwie ist er doch da. Ein ergrauter Herr in Rapha stellt sich als Peter W. vor und richtet mir Grüße aus. Zu zweit wollen sie später mit dem VW Bus nach Prerow aufbrechen und beim Wendepunkt einen Versorgungspunkt einrichten. Als ich aufstehe, meint er mit Blick auf meine Oberschenkel, ich würde das sicher schaffen. Sehr ermutigend.

Auch sonst spricht man von ihm. Wo ist Didi, schallt es durchs Feld. Da sind wir schon unterwegs. Endlich loslegen. Ich bin in der zweiten Startgruppe, wie von RalfIngoKlaus empfohlen.

Ich müsse langsamer fahren, als ich es mir selbst vorstellen könne, hatte der Coach geraten. Genau so ist es. Wir fahren dermaßen verhalten, dass ich mich umgehend frage, ob wir so jemals an die Ostsee gelangen werden.

Nur in der ersten Reihe wird geackert. Der Wind mit stürmischen Böen kommt die ersten 300 Kilometer von vorn. Als ein erster Platten die Gruppe zerpflückt, bekomme ich es heftig zu spüren und hänge mich ohne Zögern an den nächsten, der vorbeikommt. Der Long Island Randonneurs-Rücken schuftet uns an die Gruppe heran.

So sind die ersten 80 Kilometer körperlich eine schonende Angelegenheit, während ich vergeblich versuche, mich zu sortieren und zu begreifen, dass ich endlich auf dem Weg bin und bereits begonnen habe, diesen unüberschaubaren Kilometerberg abzutragen.

In Lindow die erste freie Kontrolle, Stopp beim Bäcker für einen Stempel, in unserem Fall eine Unterschrift von Klaus persönlich. Inzwischen habe ich sie auseinander bekommen, die Gesichter. Ralf hat das Jaegher für ausreichend stabil befunden und mich ermutigt, das Feld zur Ordnung zu rufen. Klaus nickt mir freundlich zu. Und auch der Liegerad-Matthias hat ein fröhliches Lachen für mich. Es wird.

Aber das Gruppenverhalten beim Fahren, das ist irgendwie anders. Allianzen bleiben unverbindlich und zerfallen so schnell, wie sie entstanden sind. Vielleicht, weil die hier nicht aufeinander angewiesen sind, und es weniger um den Schnitt geht. Und wem doch, der fährt vermutlich auch allein ziemlich gut. Nur über den stürmischen Wind, da stöhnen alle.

Eine größere Gruppe kommt zustande, und plötzlich geht es ab. Als ob man sich erst mal 100 Kilometer einfahren musste. Auf dem Tacho sehe ich meist die 3, ganz locker ist das Mitrollen jetzt nicht mehr. Bis zur zweiten Kontrolle nehme ich das mit, denke ich, dann ist die Hälfte vom harten Gegenwind geschafft.

Eine ganze Zeit halte ich mich hinter einem austrainierten Burschen im schicken Bionade-Trikot. Irgendwann bin ich dann doch vorn, und lächerlich machen will ich mich auch nicht. Zwanzig anstrengende Minuten, die ich auf dem nächsten Abschnitt büßen werde. Der Coach hatte es mir ja gesagt. Aber wenn wir wirklich aus den Erfahrungen anderer Menschen lernen würden, wäre die Welt wohl schon längst perfekt.

Die zweite Pause – Kratzeburg – ist mir sehr willkommen. Ich ergattere das letzte Mozzarella-Brötchen vom Tablett mit den Lachs-Baguettes. Eine junge Frau in Zivil will wissen, was wir hier treiben. Große Augen, angesichts der 600 Kilometer, und nein, wir übernachten nicht im Hotel. Dabei hat sie sich selbst immerhin 70 km vorgenommen. Vielleicht kann sie es um so besser verstehen.

Und danach bleibe ich wirklich allein. Ohne eine Vorderrad, dem die volle Konzentration gilt, sehe ich mich endlich ein wenig um. Schön ist es auf der Seenplatte mit ihren leichten Erhebungen. Aus Berlin kommend geht das hier schon als Weitblick durch. Der Klatschmohn und die Kornblumen in der Sonne. Zu warm ist es auch nicht. Eigentlich perfekt. Bis auf den Wind. Der Müritz Nationalpark mit seinen schützenden Bäumen liegt hinter mir.

Langsam (ja, verstanden!) rolle ich dahin. Halte nochmal irgendwo an für eine SMS an meinen kleinen Verteiler zuhause. Den Garmin an die Powerbank hängen. Zwei Randonneure rufen mir zu, ob alles in Ordnung sei. 170 Kilometer sind geschafft. Noch kein Drittel. Ja, alles in Ordnung.

In der Ferienanlage Salem der dritte Stempel. Dieses gelbe Heftchen, wie oft habe ich es auf Fotos gesehen. Eine Limonade, ein paar Bissen von meinem Käsebrötchen. Das Essen habe ich etwas schleifen lassen. Es ist seltsam, an einem normalen Tag sind 200 Kilometer viel. Und heute?

Weiter geht es, oberhalb des Kummerower Sees entlang, ein wunderschöner Blick. Diese Wegführung. Kurvige kleine Straßen, so abwechslungsreich wie nur möglich in diesem platten Land. Gnoien, Bad Sülze, Barth habe ich im Kopf. Und ab Barth ist es nur noch ein Katzensprung bis nach Prerow, dem Wendepunkt. Noch 80 Kilometer!

Ein BPB-Trikot überholt mich, ich mag mich nicht anschließen, mag mich nicht koordinieren müssen. Trotz Wind, der immer weiter weht und weht und weht. Aber es ist schön, jemanden zwanzig, dreißig Meter vor mir zu haben.

Gemeinsam fahren wir auf Rüdiger und Christine aus Bayern auf, und dann sind wir doch wieder eine Gruppe, sammeln weitere Mitstreiter ein. Diese Socken kenne ich doch! Es ist der Long Island Randonneur, der mich wieder an die Gruppe rangezogen hat, wann war das, vor Stunden. Auch er inzwischen kurzärmlig. Langsam wird es Abend. Wir rollen dahin, Kilometer für Kilometer.

Ich bin im Zähl- und Rechenmodus, allein um mich abzulenken. Allmählich sitze ich nicht mehr gut. Der Sattel ist es nicht, es sind die Haut und der Stoff. Sitzcreme, noch so ein Novum, mit dem ich mich im Kindergartenalter befinde. Der Coach schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als wir auf das Thema kamen. Bisher ging es halt irgendwie. Und will man als Frau mit dem eigenen Vater über so etwas sprechen? Naja.

In Barth gönnen wir uns einen Supermarkt-Stop, ab jetzt werden die Möglichkeiten dünn. Ein halber Liter Buttermilch ist eine willkommene Abwechslung zu Gummibärchen und Süßkram.

Hier war ich letztes Jahr in umgekehrter Richtung unterwegs. Wunderschön liegt das Abendlicht rund um die Meiningenbrücke auf dem Wasser. Ich erinnere mich noch an die Farne, die auf der Gegenseite im Gestrüpp wuchern. Dort führt schon der Radweg hoch auf den Damm. Da vorn ein Parkplatz, sind sie das?

Und tatsächlich. Von weitem schon erkenne ich Dietmar. Mit Camping-Tisch, Wasserkanistern und Plastikgeschirr haben Peter und er einen professionellen Verpflegungspunkt errichtet. Würstchen, Kartoffelsalat, Gummitiere; Wasser, Gel, Riegel. Die beiden springen herum und versorgen uns, und alles wird mit der Kamera dokumentiert. Man weiß gar nicht, was zuerst dran ist. Essen, Reden, Flaschen auffüllen, noch mehr Essen, noch mehr Reden – so viele Themen! Einfach bleiben ist ein verlockender Gedanke.

Meine kleine Gruppe hat sich schon wieder aufgelöst. Auf Dietmars Bitte hin brechen Organisator Ingo und ich gemeinsam auf in die Nacht. 100 Kilometer bis Teterow, dort in der Tankstelle könnten wir sicher etwas dösen. Vorher käme noch das fiese Stück Plattenweg. Ich bin froh über die Versorgung mit Tipps.

Vor Ahrenshoop nehmen wir den Zugang zum Strand, um wenigstens kurz an der Ostsee zu stehen. Es muss die gleiche Stelle sein, an der ich im letzten Juli das Jaegher zum Meer bugsiert habe. Damals bin ich nur hingefahren. Heute fahren wir auch noch zurück!

Die nächsten Stunden hänge ich am Tropf von Ingos Randonneurs-Wissen. Wieder habe ich das Gefühl des ersten Schultags. Dann aber dämmert mir, was ich hier mitnehmen kann. Es geht nicht mehr ums Training, es geht um alles andere. Essen, Schlaf, Stoffwechsel. Was verträgst du und wie lange. Was lief gut, was schlecht, was kannst du anders machen. Die Erfahrungen. Die leisen Effekte. Als es dunkel wird, stelle ich erstaunt fest, was an Ingos tagsüber unauffälliger Ausstattung alles reflektiert. Saddle pack, Speichen, Kleidung. Wir könnten glatt zum Randonneurs-Rodeo!

Die Stunden ziehen dahin. Wir sind längst weg von der Küste, es geht landeinwärts, über die dunklen Dörfer, im Licht der Scheinwerfer. Meine vierte Nacht in diesem Jahr. Ich hatte vor, allein zu fahren, weil das kürzlich so toll war, jetzt bin ich froh über die Gesellschaft. Eigentlich ist auch immer noch Abend, der letzte helle Streifen am Himmel mag nicht weichen. Wie soll denn die Sonne wieder aufgehen, wenn sie offensichtlich gar nicht untergeht, fragen wir uns. Ganz logisch sind wir nicht mehr. Es ist halb zwölf.

Ich frage Ingo, ob er nie etwas essen muss. Im nächsten Dorf, wo die Luft zwischen den Häusern wieder etwas wärmer ist, halten wir unter trüben Straßenlaternen neben einer Hecke. Meine Knabbertüte hat sich aufgelöst, es regnet Gummibärchen und Nüsse auf den Rasen. Ich bin unerwartet müde. Den ganzen Tag unterwegs, davor nicht richtig geschlafen. Mir wird klar, dass das heute nichts wird mit Durchfahren.

Die Platten kommen im Dunkeln, ich denke an das bayrische Paar, das gar nicht begeistert war von Pflaster und Co. Fünf Kilometer Gerumpel. So ist es eben. Teterow, noch sieben Kilometer.

Der Nachtschalter der Aral ist von Jugendlichen belegt, und erst sieht es so aus, als dürften wir nicht hinein. Aber da stehen Räder, und draußen sind keine Randonneure zu sehen. Wir dürfen! Ich nehme einen großen Kaffee. Eigentlich bringt es nichts. Ingo will auch ein wenig schlafen, die anderen ziehen weiter, da soll noch eine Sparkasse kommen. Aber hier ist es so schön warm.

Ob wir uns dort hinten bei den Zeitschriften kurz hinlegen könnten, fragen wir vorsichtig. Aber ja! Dafür seien doch die Decken besorgt worden! Sie freue sich ja über die Abwechslung in der Nachtschicht, erwidert die freundliche Frau hinter der Theke. Und die Räder sollten wir reinholen, dann könne sie auch die Tür abschließen. Sie würde dann gleich mal das Licht dimmen. Um den Hals fallen möchte ich ihr.

Als ich gute zwei Stunden später die Augen öffne, steht da ein Liegerad, und der zugehörige Matthias schläft zu meinen Füßen. Kaffee und ein Schoko-Croissant. Ich habe zwanzig Minuten auf kalten Fließen erwartet, ich hatte ein Luxushotel mit Frühstück!

Draußen ist es milder als gedacht, Morgensonne im Dunst. Aufs Rad, hurra! Munter quatsche ich mit dem Liegerad-Matthias drauf los, so lange, bis der Kaffee nachlässt. Es ist noch nicht einmal 6 Uhr.

Wir fahren durch Niemandsland. Diesig. Die Farben rausgewaschen, das Korn blaugrün im Dunst. Der Klatschmohn verblasst. Auf einmal könnte ich nicht mehr sagen, wie lange wir unterwegs sind. Endlos geht es weiter, kleine Hügel, Felder, ein paar Büsche, zick und zack, nächstes Dorf. Ist es Frühjahr, ist es Herbst? Niemandszeit.

In Malchow verlangsamt Ingo das Tempo, der Spürhund weiß, wo hier etwas zu bekommen ist. Ein unscheinbarer Bäcker, kleines Licht, eine offene Tür. Drinnen Frühstück mit Auswahl, Marmelade, Käse, Wurst und Hinsetzen, sogar Rührei! Ich folge dem Beispiel des Leitrandonneurs und lege noch ein Erdbeertörtchen oben drauf. 50 Kilometer sind wir schon gefahren, 50 Kilometer erst, es spielt keine Rolle. Wir sind einfach unterwegs, zu viert inzwischen. Ingo, Matthias, Thomas, ebenfalls mit Liegerad, Testreihe in der Horizontalen, wie er später erzählt. Als wir Malchow verlassen, die sogenannte Inselstadt, verschwindet links und rechts der See im Nebel. Mein Telefon ist mal wieder ausgefallen.

Die Stärkung hilft, nach jedem Bissen werde ich heute feststellen, wie es ein bißchen besser läuft, wieder mehr Zug da ist. Dabei sind die Beine gar nicht so schlimm. Es muss nicht schneller werden, aber so kann ich noch eine gute Weile weiter. Es ist das Sitzen, was mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Dieses Reibeisen. Noch 170 Kilometer.

Es sollte warm werden, es bleibt lange angenehm kühl, bedeckt, perfekt zum Fahren. Der Wind gibt sich launisch. Sich heimpusten lassen, das geht nicht ganz auf. Alles egal, alles besser als Regen. Nass würde ich das hier nicht wollen. „Musst du halt wissen, ob du ein Randonneur sein willst.“ Sag niemals nie.

Wir rollen vor uns hin, in loser Formation. Ab und an ein paar Worte wechseln, ich bin die meiste Zeit mit mir selbst beschäftigt. Mehr als 457 Kilometer kriege ich nicht in den Kopf, da verlässt es mich irgendwie. Der Weg erlaubt wenig Rhythmus.

Irgendwann nach 11 Uhr sind wir in Heiligengrabe, fast 490 Kilometer stehen auf meinem Tacho. Seit dreißig Kilometern starre ich auf die Zählanzeige, um es zu begreifen. Gleich wird da eine 5 vorne stehen. “Und die 6 wirst du heute auch noch sehen”, lächelt Matthias. Irgendwie ja. Irgendwie unwirklich. Pünktlich zum Halt kommt die Sonne, Regen- und Windjacken verschwinden in den Taschen, Sonnencreme auf der Haut. Weiter geht es.

35 Kilometer später die letzte freie Kontrolle, Matthias hat umsichtig die vorgeschlagene Tankstelle in den Track eingebaut. Wir gönnen uns ein Eis. Wir kreuzen die Bahnhofstraße. Bahnhof? Wir brauchen keinen Bahnhof. Wir fahren selbst. Nur noch zweistellig.

An Abkürzen oder gar Abbrechen verschwende ich tatsächlich keine Gedanken. Auf dem Reibeisen sitzen ist das Thema. Aus dem Sattel heben, hin und her rutschen, es gibt kaum eine Position, in der es in Ordnung ist. Die eingeschlafenen Hände kann ich ausschütteln, die Schmerzen in den Zehen verschwinden zeitweise, und wenn nicht, ziehe ich kurz die Schuhe aus. Aber gegen das Reibeisen, da fällt mir nichts mehr ein. Sich unterhalten lenkt immer mal ein wenig ab. In die Erzählungen kann ich gut wegtauchen. Aber es kostet auch Energie. Und am Ende lande ich immer bei dem, was ich auf dem Rad am besten kann. Einsilbig sein.

Grüner Helm, pinkfarbene Handschuhe, PBP-Logo. Stunde um Stunde. Kilometer um Kilometer. Brevet fahren als Opiat. Sehr warm wird es jetzt, wieder ein anderer Tag, eine andere Jahreszeit. Wir könnten auch schon eine Woche unterwegs sein. Das Korn jetzt strohblond und streichelweich, der Klatschmohn hat wieder Farbe bekommen und dörrt vor sich hin. Ganze Felder von Kornblumen. Ein Wald, in den wir eintauchen wie in einen grünen Festsaal.

Brunne, Betzin, Königshorst. Ich bin in dieser Richtung zu selten unterwegs, als dass ich mich hier schon auskenne. Restentfernung wie eine große Hausrunde, dann eine kleine.

Irgendwo noch einmal anhalten, Füße entlasten. Matthias fährt seit vielen Kilometern mit gerissenem Schaltzug. Das strengt zusätzlich an. Noch soweit wie von Bernau nach Hause.

Als die 600 Kilometer auf dem Tacho voll sind, bin ich ziemlich genau seit 33 Stunden unterwegs. Der Körper ist fast daheim. Die Gedanken hängen noch irgendwo im Dunst des Vormittags.

Und da ist es auf einmal, das gute alte Ortsschild Berlin. Keine Tränen, kein Foto. Ich lächle nur still vor mich hin, als wir daran vorbeifahren.

*

Auch zwei Tage später, während ich alles aufschreibe, bin ich, ehrlich gesagt, irgendwie ratlos, was das nun war. Diese vielen Kilometer wollen einfach nicht in meinen Kopf. Davor nicht, ich dachte, das kommt dann unterwegs. Und jetzt warte ich immer noch.

Aber am Morgen danach bin ich aufgewacht und hatte Lust, Radfahren zu gehen. Und das, denke ich, ist ja wohl das Wichtigste.

***

Es gäbe mal wieder in viele Richtungen danke zu sagen, aber ich bin sicher, ein paar Menschen wissen es auch so. Daher beschränke ich mich auf die „Neuen“:

  • Danke an die Organisatoren vom ARA Berlin Brandenburg für diese sehr schöne Strecke, verkehrsarm, grün und über Stock und Stein. Es war Norden vom Feinsten. Und für das Finden und Motivieren von Kontrollstellen, die mehr waren als das!
  • Danke an jeden Rücken, hinter den ich mich mal im Wind ducken durfte; vor allem aber an meine Mitstreiter auf der zweiten Streckenhälfte. Ganz besonders an Ingo, ohne dich wäre meine Nachtfahrt diesmal nicht lustig geworden. Und die beiden Liegen: Matthias und Thomas, ihr habt den Tag kurzweiliger werden lassen. Ich weiß noch nicht, ob es dann passt. Aber ich möchte schreiben, ich freue mich auf nächstes Jahr!

***

Tour auf Komoot, 618 km, 1.850 hm

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