Takeshi fährt Rad

600er Brevet Sachsen: Einmal Hölle und zurück

Einen 600er wollte ich fahren, und nachdem ich in Berlin keinen Startplatz bekommen hatte, beschloss ich kurzerhand, einen anderen Standort auszuprobieren. Von Leipzig-Bennewitz aus sollte die Route auf den Brocken führen, das war mir recht, darauf hatte ich schon für Berlin gehofft.

Dass die Streckenbeschreibungen aus früheren Jahren noch ein paar Höhenmeter mehr beinhalteten, ignorierte ich, ebenso wie den Start um 18 Uhr. Erst als die Route am Dienstag Abend in meiner Mailbox landet, lässt es sich nicht länger leugnen: 640 Kilometer, über 7.000 Höhenmeter. Bin ich überhaupt mal einen Berg gefahren in diesem Jahr? Willkommen Nervosität.

Wie immer vor etwas Großem ist mir in den Stunden vor dem Start richtig übel und ich versuche, jede Minute, wo das nachlässt, zum Essen zu nutzen. Freitag nachmittag futtere ich mich also zugfahrend durch bis Bennewitz. Zweimal umsteigen heißt auch zweimal die Möglichkeit umzukehren, aber wenigstens Bahn fahren hatte ich zur Genüge trainiert.

Leipzig Hbf sollte doch selige Assoziationen wecken, hier lief ich im letzten Jahr Maurice-Brocco-verliebt durch die Hallen. Jetzt: nichts. Ich rufe den Coach an. Der Mann weiß, wovon ich spreche, beschwört mich, mir Mitfahrer zu suchen und nicht so wählerisch zu sein, und so steige ich in den dritten Zug und bin viel zu früh da.

Und drehe gleich wieder ab, als beim Vereinsheim nur einer im Rostock-Team-Trikot rumsteht und mürrisch dreinschaut. Wenn das einer der Organisatoren ist (in der Mail noch: “wir freuen uns auf neue Gesichter”), ich schwöre, dann fahre ich auf der Stelle wieder heim. Erst einmal Kaffee und Erdbeerkuchen beim ortsansässigen Bäcker, ein anderer Gast will small talk mit mir machen, bitte! nicht! jetzt!

Glücklicherweise ist es nicht der Rostock-Mann, unser Organisator. Der ist ganz freundlich.

Und immerhin scheinen die anderen auch nicht durch die Bank zu strotzen vor Selbstbewusstsein. Ob ich die mit dem Blog sei, werde ich mehr als einmal gefragt (ja gut: zweimal). Und bei dem, was ich so fahre, wär ich wohl kaum aufgeregt. Das ist auch so typisch. Die Leute kriegen irgendwie mit, dass du schon mal mehr als 200 km unter den Rädern hattest und halten einen gleich für sonstwas.

Ich sitze jedenfalls in der Turnhalle und warte auf weitere Frauen. Es kommen aber keine. Die sind wie die Zwerge, wird meine Mama später sagen. Die haben auch keine Frauen.

Eher wie die Äffchen. Männer auf Rädern sehen heute irgendwie alle aus wie Models. Aber besser als fadenscheinige Vereinstrikots aus dem letzten Jahrtausend, da gebe ich M. recht.

Am Start sehe ich plötzlich meinen Long Island Randonneur, von dem ich inzwischen weiß, dass er Christoph heißt (aber einmal Long Island Randonneur, immer Long Island Randonneur). Ich will winken, aber er übersieht mich. Vielleicht ist er auch aufgeregt? Wer weiß, vielleicht ist sogar der mürrische Rostock-Mann aufgeregt. Ich zeige Olaf meine Warnweste und dann geht es los.

Und wie versprochen, zügig, aber machbar. Trotzdem kein Blick für die Landschaft. Ich lese Trikotaufschriften. Rapha und Trophy 82 und etwas Buntes, das ich nicht entziffern kann.

Auseinander kriege ich sie nicht, diese Jungs. Von denen im Zweierpack hat immer mindestens einer das Rapha-Trikot mit den Streifen an. Und einer hat buschige Haare, die unter dem Helm hervorquellen. Keine Chance.

Die Speed-Jungs allerdings, die kann ich mir merken. Der Pulk hat einen Radweg auf der falschen Straßenseite genommen, der plötzlich weg vom Track führt. Paff ist das Feld gesprengt. Einige fahren stur weiter, wird schon passen, ein paar schlagen sich gravelnd die Bahnschienen entlang. Ich schließe mich den Zurückfahrenden an. Die Speed-Jungs vorn, wir zu viert dahinter. Sie erinnern mich an diese bunten kleinen Vögel, die immer zu zweit auftauchen, aber sie hauen in die Pedale, alle Achtung. Irgendwo nach einer Ampel warten sie auf uns, ich denke, voll nett, aber wozu? Wir sind euch keinerlei Hilfe.

Wir schießen hinein in die Dämmerung, der Trophy 82-Mann erzählt mir von früheren Zeiten, die Leuna-Chemiewerke, und wie die Arbeiter hier in Massen hinein und hinaus strömten, Halle und der Tagebau, M. hätte seine Freude. Die Speed-Jungs geben Gas und fotografieren sich gegenseitig vor dem Abendhimmel.


Irgendwo da vorne ist auch wieder der Pulk, plötzlich 40 Mann wieder zusammen, gegen zehn endlich ein Bahnübergang, wir stehen für Minuten, warten, verschnaufen, Riegelpackungen knistern und meine Aussicht wird Warnwesten-gelb. 100 Kilometer Indifferenz, vom Ankommen im Fahren keine Spur.

Ein nicht enden wollendes Stück über Pflaster, eine erste Steigung, die Gruppe zerfällt, an der nächsten Ampel findet man immer jemanden. Allmählich wird es dunkel.

23:30, wir erreichen die Tankstelle in Klostermansfeld, die einzige bis zum Brocken, die geöffnet hat. Eine Schlange, die Damen hinter der Theke haben alle Hände voll zu tun. Ich nehme trotzdem eine Bockwurst, etwas Handfestes muss sein für die Nacht, auf die zehn Minuten kann es nicht ankommen. Und bis ich dann meine Stirnlampe herausgekramt habe, sind irgendwie auch alle weg.

Egal, allein ins Dunkel, kann ich, habe ich zwei Wochen vorher in Schleswig-Holstein geübt, zehn Landkreise in einer Nacht (denn wer glaubt, dass ich den ersten Platz in der Landkreischallenge kampflos aufgebe, der hat nun wirklich nichts verstanden!), und mein Material funktioniert auch.

Bis auf dieses Scheppern.

In den Tiefen des Harzes, wo die Luft in den Tälern aus dem Eisfach kommt, da beginnt es. Die elendige Abfahrt hinter Allrode, über eine sehr schlecht geteerte Straße, es hubbelt und ruckelt, was soll das für eine Abfahrt sein? Irgendwas fängt an zu scheppern im Rad, wie ich’s nicht kenne. Zu massiv für Powerbank und Telefon, die im Täschchen aufeinanderschlagen könnten. Aber ich kann nichts ausmachen, das lose wäre.

Höchstens im Kopf. Da gehen die Fragen los. Was mache ich hier. Ganz hinten, ganz allein, ich bin doch verrückt, ich schaffe das nicht. Keine Höhenmeter trainiert. Was denke ich mir.

Irgendwo halte ich, da ist direkt ein Hotel, freundlich beleuchtet, Zimmer frei. Erst kürzlich habe ich mich mit L, unterhalten, die fragte, was einen weiterfahren lässt, wenn andere das Hotel nehmen würden. Weiß ich doch nicht. Ich fahre weiter. Fühle mich trotzdem wie die totale Versagerin.

Gelbe Warnwesten überholen mich, alle zu zweit. Ich beneide sie und fluche. Zu wählerisch, zu eigenbrötlerisch, zu verschroben.

Irgendwo überhole ich einen. Alles okay, frage ich im Vorbeifahren, weil man das so macht. Eine Hilfe wäre ich kaum. Kann nichts reparieren, seh‘ im Dunkeln nichts. Ja, kommt es schlecht gelaunt zurück. Es braucht fünf Kilometer, bis ich auf die Idee komme, dass der vielleicht auch grad nur einfach keinen Bock mehr hat.

Das Scheppern. Irgendwas ist da doch. Alle paar Minuten absteigen, hier und da am Rad rumfingern. Die Speichen? Aber das Geräusch ist irgendwie voluminöser, da kracht Metall auf Metall. Kann irgendwo innen im Rad etwas gebrochen sein?

Es wird langsam hell. Sonnenaufgang am Brocken, hatte ich mir so vorgestellt. Natürlich bin ich noch lang nicht oben. Wie ich hier am Berg hänge. Die letzte Flasche. Ich auf der Langstrecke, es ist sowas von lachhaft. Formuliere in Gedanken einen Blogartikel zum Abschied. Ich wollte halt so gern, der Kopf reicht aber nicht.

Dieses Scheppern. Soll ich wirklich vom Brocken runterfahren mit einem Rad, das so scheppert? Wohl ist mir dabei nicht.

Irgendwo bei Elbingerode fällt es mir wieder ein. Ich hatte vorn die Bremsklötzchen gewechselt und den Schnellspanner nicht superfest angezogen, weil M. noch die Bremse einstellen sollte. Als ich absteige und feststelle, dass der sich tatsächlich gelöst hat, wird mir kurz heiß und kalt.

Erleichtert geht es weiter, kein Scheppern mehr. Trotzdem kraftlos. Ganz langsam bricht der Tag an. Wenn ich hier schon so vor mich hin schleiche, was will ich dann bitteschön im Thüringer Wald?

Hinter Schierke einer, der wissen will, wo die Kontrolle ist. Der Track hatte nur hierher gereicht. Wir müssen schon noch hoch, sage ich. Er tänzelt davon, missmutig starre ich hinterher.

Brocken, kennst du doch, sage ich zum Jaegher. Sind wir zweimal hoch, fanden wir machbar. Wird erst oben steil. Egal was nun passiert, diesen bescheuerten Eintrag im gelben Heftchen (“sehr schöner Stempel” hatten die geschrieben), den will ich jetzt haben. Und wenn ich hoch krieche!

Tritt für Tritt, ich zähle nicht mal. Wird erst oben steil. Da sind auch die Tafeln, 800 Meter Höhe über NN. Das Rad klebt am Tal wie von einem riesigen Magneten fixiert. Wenn ich unten bin, werde ich schon einen Zug finden, der mich nach Magdeburg bringt. Selbst die 80 Kilometer dorthin finde ich zu weit.

Irgendwo hinten im Kopf tauchen Gedanken aus dem Nebel auf. Brevetfahren ist Prüfung. Einfach weiterfahren, irgendwann geht es wieder besser. Auch wenn einem speiübel ist?

Und wo bleibt eigentlich die Euphorie, die auf dem Rad so nah neben der Depression lauert?

Im steilsten Stück, vor der letzten Kurve, da ist plötzlich drauf geschissen. Ich steige ab. Ich schiebe. Ganz, ganz toll. Hier schon! Echt.

Aber irgendwann bin ich oben. Irgendwann bist du eben immer oben, ganz allein, bis auf ein paar frühe Wanderer. Erst an der Wetterstation sind noch andere Randonneure. Doch nicht alle schon im Ziel!

Ich schreibe M. und dem Coach, dass Brevet fahren unglaublich scheisse ist. Ich betrete das Wetterhäuschen, und da ist tatsächlich der Stempel, ich muss fast lachen. Es ist 6 Uhr am Morgen.

Aber hey, ich bin hier. Den ersten Abschnitt geschafft! Erstmal die Abfahrt. Ohne gefährliches Scheppern! 35 km bis zur Tanke in Hasselfelde. Weiter denken ist ab sofort verboten. Umkehren kann ich immer noch.

In der Abfahrt schon laufen mir dann plötzlich die Tränen runter, weil ich immerhin so weit gekommen bin. Ich zähle die Entgegenkommenden. Einer. Ein weiterer. Und noch einer. Und noch zwei. Und noch einer. Und dann sitzen unten welche beim Bäcker, und ich fahre vorbei, und dort stellt einer gerade sein Rad ab, und ich fahre vorbei. Und es ist hell und noch früh am Tag, und ich bin unterwegs, und der Süd-Harz ist schön, und juhu!!

Labandere mich voran bis Hasselfelde. Ein Früchtetee, mit viel Zucker halbwegs erträglich, ein Schokobrötchen, eigentlich kann man schon wieder alles ausziehen. Einer fragt mich, ob ich auch keinen Bock mehr hätte, sie suchten gerade nach Argumenten abzubrechen. Ich sage ja und nein und steige wieder auf. Echter Bäcker in 20 km, einfach stur nach Zettel. Immer schön flach oder bergab und höchstens mini-mini Gegenanstiege, ach machbar!

Stolberg sollten wir uns anschauen, stand im Roadbook, das schöne Fachwerk. Ich finde den ganzen Weg bis dahin sehr fahrenswert, die Schlucht, die lauschig gelegenen Dörfchen. Der Ort ist dann tatsächlich Offenbarung, vor allem der Bäcker. Dort haben sie süße Brötchen, die auf der Zunge zergehen. Hefeteilchen, mit Pflaumenmus gefüllt! Es ist der aller-allerbeste Moment seit Stunden, vielleicht seit Anbeginn der Welt. Ich gehe direkt noch mal rein und lasse mir die Tüte auffüllen.

Auf zum Kyffhäuser, 36 Kehren, 350 Höhenmeter, so what! Zusammen mit ein paar Motorradfahrern zuckle ich hinauf, es ist nichts, es ist quasi Verschnaufen, erledigt in locker unter 30 Minuten. Die schöne Abfahrt hinten runter, einfach laufen lassen.

Rein in die Unstruter Steppenlandschaft. Es ist Vormittag und heiß. Kein Baum in Sicht. Da vorn müsste Charles Bronson im Poncho angeritten kommen, aber der hätte wahrscheinlich auch keine Lust auf die Bundesstraße, auf die ich gelangt bin, Auto jagt Auto bis rein nach good old Artern. Wenigstens habe ich so die Tankstelle am Weg. Wasser, Eis, Sonnencreme. Weiter.

Bad Sulza ist mein nächster Anker, dort, habe ich mir fest vorgenommen, wird Harald-mäßig gegessen.

Diese Hitze. Ich vertrage sie eigentlich ganz gut, aber das heißt noch lange nicht, dass ich sie angenehm finde. Hie und da liegen schlafende Randonneure am Straßenrand. Es ist schön, immer mal wieder jemandem über den Weg zu fahren. Sich irgendwas zuzurufen, auch wenn ich mich inzwischen wenig geistreich finde.

Ein Tümpel in einer Senke. Es riecht leicht brackig, aber das Wasser ist angenehm kühl. Ein dicker Frosch plumpst in den Teich. Ich tauche meine Beine jenseits der Algen hinein. Aaaaaah!

In Bad Sulza ist es so heiß, dass ich beim Eiskaffee bleibe. Gesicht und Arme im Waschbecken kühlen. Als ich die Stadt verlasse, stehen da der Long Island Randonneur und sein Mitfahrer und winken, und dann schleichen wir gemeinsam den nächsten Anstieg hoch. Es ist drei Uhr nachmittags. Kein Schatten weit und breit.

Bei Camburg verabschiedet sich Christoph, der noch andere Pläne hat. Was, von hier aus kommt man gut zurück? Fast will ich mit. Vor uns ist der Himmel plötzlich düster und es droht der Thüringer Wald. “Und wir fahren weiter?” fragt der Mitfahrer.

Alex heißt er, das erfahre ich viel später. Bis Rasthof Berg (km 500) wollen wir kommen, und geschlafen haben wir beide noch nicht. Alles Wichtige in zwei Minuten besprochen. Ja, wir fahren weiter!

Alex legt sich gleich ordentlich ins Zeug, bzw. in den Wind. Der kommt plötzlich von vorn und auch sonst von überall, wir kommen kaum voran, so heftig wehen die Böen. Dafür haben wir ein fantastisches Panorama. Oben der taubenblau-düster bedrohliche Himmel, unten stehen lindgrün die Gerstenfelder. Davor die Windmühlen auf filigranen Eiffelturm-Füßen. Man möchte knipsen, aber bei dem Sturm lasse ich den Lenker nicht los.

Powernap am Bushäuschen. Eine Stunde nach Kennenlernen weiß ich schon, wie der Mann schnarcht. Rekord, behaupte ich mal.

Als wir uns wieder aufrappeln, hat der Wind etwas nachgelassen. Aber es geht auf und ab, auf und ab, auf und ab. Auf und ab, auf und ab, auf und ab. Wenigstens hat es etwas abgekühlt.

Und ich habe Glück mit meinem Mitfahrer. Der ist voll entspannt, der schwatzt nicht nur über sich, eigentlich nur auf Nachfrage. Bis zur Dämmerung haben wir gemeinsamen Humor aufgetan (“dort drüben geht es hoch, das muss die Strecke sein”).

Und hoch geht es. Hoch, hoch, hoch, hoch. Hoch-hoch-hoch. Von der Talsperre Bleiloch nach Remptendorf (M. würde sagen: Bleilocher Wand), wir fahren exakt die Strecke, auf der ich meine Erst-Erfahrung mit dem Thüringer Wald gemacht habe. Zu Anfang noch kenne ich es, da kann ich mich erinnern. In der Dämmerung, und dann im Dunkeln ist es nur noch Wald und nur noch bergauf. Unnutzes, aussichtsloses, ins Dunkle führende Bergauf. Bergauf, das nur dazu da ist, diese bescheuerte Zahl von Höhenmetern zu killen.

Im Dunkeln kommen auch die Gestalten. Der Straßenpfosten da vorn ist ein großer Hase. Die Büsche am Wegesrand sind riesige Plastikmüllberge. Dann ist es ein Riese, der den Wald beschützt. Daneben eine Hexe. Alle stehen still und tun mir nichts. Trotzdem leuchte ich wild hin und her, weil ich im ersten Moment doch jedesmal denke, da ist etwas. Es könnte fast unterhaltsam sein, wenn ich’s nicht für ein schlechtes Zeichen hielte.

Wir kämpfen mit den Steigungen. Es ist genau wie Trophy 82 vor unendlicher Zeit, also gestern, erzählt hat. Der Rasthof Berg kommt nicht näher (und jeder Depp kann sich auch ausmalen, warum Berg “Berg” heißt). Ich glaube, Alex hat auch keine Lust mehr. Du musst jetzt aber weiter machen, denn wenn du weiter machst, dann kann ich auch weiter machen …

Wir schieben. Irgendwie entlastet das auch. Unsinnige Anstiege. Wir erklären die Frage nach dem Warum als berechtigt. Wir erklären den 600er zum Darß zum Spaziergang. Ich zücke die Ampulle mit dem Coffein Booster, mein Stadler-Teelichter-Kauf. Das sieht so aus, als müsse man es spritzen. Pulp Fiction auf dem Brevet. Aber so weit sind wir noch nicht.

Stattdessen: Runterzählen von Kilometern. Einzeln. Jede 200 Meter bergauf dauern eine Ewigkeit, jede kleine Abfahrt bringt uns kaum einen Kilometer weiter.

Tausend Jahre später erreichen wir doch Berg. Suchen auf Google Maps nach dem Rasthof. Ich habe vergessen, dass der an der Strecke liegen soll. Ich gehe direkt zur Frau an der Kasse und frage, ob wir uns hinlegen können. Sie sieht mich entsetzt an.

Wir essen lauwarme Gulaschsuppe. Alex schläft, den Kopf auf den Armen auf dem Tisch. Andere Randonneure legen sich einfach auf den Boden. Irgendwann lege ich mich auf die Bank, bin eine halbe Stunde weg, vielleicht länger. Es ist halb zwei. Alex sieht müde aus. Aber er sagt, er beendet nichts frühzeitig, und das finde ich natürlich gut.

Nach dem Geschleiche über die letzten Kilometer brechen wir lieber auf. 11 Stunden für 130 Kilometer, es muss doch reichen? Milchkaffee, alles anziehen, jetzt schlottern wir.

Aber siehe da. Es geht bergab, oder eben. Ein bißchen auch wieder bergauf. Aber im Vergleich zu vorher sowas von gemäßigt. Wir rollen locker dahin, die nächsten 30 Kilometer sind unfassbar schnell vorbei. Wann kommen die nächsten Steigungen? Der Mond als gelbe Sichel am heller werdenden Himmel.

Der Morgen nähert sich langsam und leise. Die ersten Vögel. Um uns herum wird das Schwarze zu Grau und Blau und Grün. Der Dunst über den Feldern, die Silhouetten von Bäumen, wie hingetuscht, eine Traumlandschaft. Wir fahren andächtig dahin. Was für eine unfassbar schöne Belohnung!

Ich kriege Hunger. Vor Abfahrt ein Twix, und nun ist es 4 Uhr früh, und weit und breit kein Bäcker. Ich würge noch einen Riegel runter, ich kann den Süßkram nicht mehr sehen. Alles ist sehr unwirklich.

Plötzlich bin ich so müde, dass ich nicht weiß, wie ich mich noch für 100 Kilometer auf dem Rad halten soll. Alex zückt die Coffein-Ampulle. Ich könne die doch jetzt mal testen.

Irgendwo liegen wir wieder im Bushäuschen, auf der Bank, auf dem Boden. Augen zu, im Kopf gleich das Feuerwerk. Eine Viertelstunde reicht, um für kurze Zeit wieder erstaunlich frisch zu sein.

Dafür ist mir ist schlecht von der Ampulle. Auf nüchternen Magen. Wo ist Rührei? Wir schleichen durch das morgendliche Neukirchen an der Pleiße. Geisterstadt. An einem Hotel steht ein Fenster offen, ein Radio dudelt, niemand zu sehen. Wir sitzen auf der Treppe, einträchtig erschöpft. Alex hat einen Nature Valley Crunchy, der geht noch. Jetzt wird sowieso alles geteilt.

Die Hotelwirtin fragt, ob sie uns weiterhelfen kann. Frühstück hat sie erst in zwei Stunden. Bäcker weiß sie auch nicht. Ich sehe nicht mal auf.

Schließlich rollen wir weiter. Der Riegel hat geholfen. Plötzlich ist es nicht mehr ganz so schlimm. Wir haben noch 20 Kilometer bis zur vierten Kontrolle. Und dann noch 12. Noch 8. Noch 5. Kilometer 597!

Alex träumt mit dem Kopf auf den Armen, ich esse ein Brötchen mit Schinken. Was für ein Genuß! Wasser nachfüllen, Aufsitzen, letzte 40.

Rein nach Meerane, da ist noch die Steile Wand. Eigentlich finde ich es nur noch lachhaft. Und ja, ich wollte sie nicht im Peloton hochrasen müssen. Aber so allein drücken wir die jetzt auch noch!

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich kein Stück mehr, wie es danach aussah. Irgendwelche Straßen, irgendwelche Dörfer, auf jedem zweiten Schild steht was von Kohren-Sahlis. Irgendwie kommt es mir bekannt vor, irgendwie kommt mir alles bekannt vor. Wir sind erleichtert, wir sind versöhnt. Das große Strecken-Bashing vorbei. Was zuerst, wenn wir da sind? Ein Bier, sich ausstrecken. Die Schuhe ausziehen! Tiefschlaf! Bockwurst. Nein, erst den Stempel holen!

Und dann sind wir da, reiten in die Total Tanke Frohburg ein wie zwei von den ganz Großen.

Und verdammt, irgendwie sind wir das in dem Moment ja wohl auch.

***

So viele Details, über die man noch hätte schreiben können, aber irgendwann ist so ein Brevet auch mal zu Ende.

“Niemand weiß, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sie versucht hat”, wie oft musste ich unterwegs daran denken. Ein bißchen beneide ich ja Menschen, die eine solche Strecke einfach so wegziehen können.

Andererseits hatte das, was sich nun so grandios anfühlt, schon auch mit den harten Zweifeln unterwegs zu tun. Ich habe eine ganz neue Dimension von Tiefpunkt erreicht. Trotzdem weiterzumachen war – naja, eine Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte. Radfahren ist und bleibt eine Wundertüte!

Danke an

Strecke auf Komoot