Ab Sonntag Morgen läuft wieder die Uhr. Um 6:30 sitze ich beim Frühstück. Ich mag das, freie Bahn zum Buffet und verwundertes Hotelpersonal. Ein halber Liter Kaffee, Birchermüsli von gleichem Volumen, 7:35 Uhr auf dem Rad. Fahrtag!

Ob ich den Zug nehme ab Eisenach, hatte Harald mich gestern gleich zweimal gefragt. Hallo, sehe ich aus wie Cipollini?

Lange, einsame Stunden im Sattel sind angesagt, und Disziplin. So zügig rollen wie möglich. Jeder Halt kurz und organisiert. Einen auf Langstreckenfahrer machen!  

Die Frage ist, wie ich den Rest aufteile. Noch 380 Kilometer, das muss in zwei Etappen gehen. 230 bis Dessau heute wären toll. Aber bei diesem Tempo? Sonst 200 bis Köthen, auf Nummer sicher. Köthen ist erst der Anfang ihrer Abenteuer, schreibt mir das Buchungsportal. Wer sich sowas immer nur ausdenkt.

Erst mal die Beine checken. Die sind eigentlich noch halbwegs da. Langsam arbeite ich mich die Anstiege hinter Hörsel hoch (noch am Abend beschlossen: ich fahre zurück und steige am Track wieder ein. Jetzt aber richtig!).

Diese wellige Landschaft am Beginn des Rennsteigs ist wunderschön! Es ist äußerst kalt, aber herrlich still auf den Straßen. In der Ferne sehe ich immer wieder kleine Gruppen von Fleche-Randonneuren in gelben Warnwesten, die sich zur Wartburg vorarbeiten. Schön sieht das aus. Foto? Nein, fahren. Next stop Bad Langensalza.

Heute morgen habe ich auf Trackleaders gesehen, dass sie dort geschlafen haben, die feinen Jungs. Haben ihren Gral erreicht. Ob ich sie wohl einholen könnte, wenn ich mich ranhalte, mit ihren Social Media-Pausen. Ich schiebe den Gedanken weit von mir. Da sind noch zu viele Kilometer, um mich in den nächsten paar Stunden kaputt zu fahren.

Der Ostwind. Die mit Blättern bedeckten Waldpfade des Naturparks Hainich mit den letzten Höhenmetern. Dann immer wieder auf Asphalt zwischen den Ortschaften. Ich freue mich jedesmal, wenn die Straße nach links gen Norden abbiegt, ganz egal welcher Untergrund.

Die kleine Kompassnadel im Garmin wird mein neuer Fixpunkt. Hauptsache raus aus dem Wind. Einige Male führt der Weg kerzengerade nach Osten, den Berg hinauf. Nur Felder, kein Schutz in Sicht. Durchhalten. Ich denke an Claus Czycholls lauthalses Lachen. Dieser seltsame Zufall. Natürlich fahre ich das hier zu Ende!

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Als Joas irgendwann am Vormittag anruft, schrecke ich hoch. Ist etwas passiert? Nein, der will nur wissen, wo ich bin und ob alles gut ist. Ich antworte einsilbig. Danach ärgere ich mich. Dass ich jetzt gleich wieder so autistisch sein muss.

Ein paar eingezäunte Rehe. Ein Jägerstand auf einem Wägelchen, so was habe ich ja noch nie gesehen, wie praktisch. Kahlgeschnittene Bäume unter Drahtschutz. Immer besser geht es auf dem Gelände, und unerwartet Spaß macht das! Untergrund gucken und der Linie folgen statt Schnitt und Puls. Das Soma läuft und läuft.

In einem Hohlweg zerlegt es mich dann doch. Die hohe Grasnarbe in der Mitte, zu übermütig versucht zu queren.

Gleich kommt einer angelaufen, rosa T-Shirt, Aufschrift Arschloch. Finde ich ja nicht. Wo kommen Sie denn plötzlich her, frage ich, man will ja höflich sein, auch wenn man im Gras liegt. Ein sächsischer Wortschwall sprudelt aus ihm heraus. Die Eltern waren zum Spazieren und haben den Schlüssel im Auto eingeschlossen… mehr kriege ich nicht erahnt. Ja, nein, nichts passiert, es brennt ein bißchen, es brennt aber allmählich sowieso, alles gut.

Ich will weiter, immer weiter. Auf und ab, Wald, Feld, Wald. Dieses bescheuerte ‘Der Weg ist das Ziel’ kommt mir in den Sinn. Was soll das eigentlich für ein Spruch sein. Der Weg ist der Weg, sonst nichts. 

Ich bin in meinem Rhythmus, ich komme voran. Langsam aber stetig.

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Aber etwas ist anders.

Ob das Baugitter da vorn von meinem Grüppchen beiseite geschafft wurde. Ob sie wohl dran gedacht haben, dass ich da auch noch lang komme. Wir haben gar kein Foto von den beiden Somas gemacht. Und ich habe vergessen, Joas zu fragen, ob seine Socken – einer rosa, einer blau – überhaupt zusammengehören.

Über acht Stunden bin ich unterwegs, mit zwei Stopps an Tankstellen. An einem Bushäuschen ohne Bank (bloß nicht allzu bequem werden lassen!) die Beine vertreten, und zur Belohnung checken, wo die sind. 410 und 411 Kilometer. Ich rechne so rum – ich kann doch nicht viel weniger haben? – als hinter mir Gebrüll einsetzt. Da kommen zwei die Straße entlang geflitzt, der vordere winkend und rufend. Was wollen die, habe ich etwas verloren?

Großes Hallo, Joas und Harald haben mich bei einem Halt vorbeifahren sehen und sind auf die Räder gesprungen. Ihr fahrt durch? Fahren wir zusammen? Na klar! Wenn du uns schon wieder ertragen kannst?

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Direkt Freude, in fünf Sekunden ist es entschieden, Köthen, der Beginn all meiner Abenteuer mit zwei Klicks storniert.

Erst einmal Essen fassen, eine weitere Nacht steht bevor, gleich einen Gang runter. In Lutherstadt Eisleben nehmen wir uns Zeit für ein paar Fotos, Pizza, Espresso. Wir sitzen so schön, und da merke ich schon, ganz durchdacht war das nicht. Aber so verlockend.

Beim Essen fällt mir auf, dass ich Joas seit dem Start eigentlich nie richtig ins Gesicht gesehen habe. Es ist ein seltsam intimer Ausschnitt, den wir fahrend voneinander bekommen. Bei jedem Untergrund habe ich heute geglaubt zu wissen, wie es ihm ergehen würde. Weit gefehlt. Er habe heute morgen den Reifendruck verringert, erzählt er freudestrahlend. Seitdem mag er alle Untergründe! Gut, dass er das erst heute gemacht hat, werde ich später denken.

Der Abendhimmel. Wie ein Scherenschnitt stehen die Baumreihen vor zartem Orange. Dieser kurze Schwenk der Temperatur nach oben, bevor es dunkel wird. Wir kämpfen uns gegen den Wind voran, es geht mal wieder bergauf, jeder fährt für sich. Ob der Wind sich legt in der Nacht? Ein Platten verschafft noch mal eine Pause.

Eine Tanke, wie viele habe ich aufgesucht in den letzten 50 Stunden?

Diesmal die große Packung Gummibärchen, sie wird kaum reichen durch die Nacht. Joas leiht mir seine Super-Stirnlampe und nimmt selbst seine zweite. Mit Haralds Spanngurt zurren wir meine Lenkertaschen oben fest. So geht es viel besser.

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(C) Harald Legner

Dann Köthen, einen McDonalds hat der andere Teil der Gruppe, der irgendwo vor uns fährt, vermeldet. Noch einmal Rast im Warmen. Cheeseburger, Apfeltaschen, Kaffee, Cola, mein Magen tut mir allmählich leid. Als ich raus gehe, um meine Mütze zu holen, ist es bitterkalt. 180 Kilometer, ich kann es mir plötzlich nicht mehr vorstellen. Denk’ nur bis zur nächsten Station. Erstmal Dessau.

Die Dunkelheit verschluckt uns gegen 24 Uhr. Wir fahren.

Joas sitzt vorne im Wind (von Hängen kann keine Rede sein) und macht Tempo, Meile um Meile. Der Mann ist eine Maschine. Ein Strecken-Terminator. Ich bin so froh über sein breites Kreuz.

Um Dessau herum geht es auf irgendwelchen kleinen asphaltierten Wegen entlang nur zu erahnender Flussarme, durch Wald, wir brettern nur so entlang. Harald sagt die Kilometer an. Dessau ist Vorgarten, sage ich mir. An einem schönen Sonntag Morgen frisch aufs Rennrad würde es trotzdem ein paar Stunden dauern. Nicht drüber nachdenken. 

Die Jungs sind schweigsam, ich versuche, Harald ein bißchen auszuquetschen, ich brauche Unterhaltung, ich werde ernsthaft müde. 

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Um halb vier nochmal ein Platten, es ist arschkalt. Die schaffen das in neun Minuten, trotzdem bin ich am Schlottern. Eigentlich bin ich wach, aber eine gerade Linie ist das nicht mehr. Wieder durch den Wald, plötzlich ein ganz unmögliches Stück, zugewachsen, Löcher, Sand, was ist das hier. Ich fluche, das hält wenigstens wach.

Die anderen halten kurz an, ich fahre voraus, ein paar hundert Meter. Endlich doch noch ganz allein im Wald, aber wo ich die hinter mir weiß, ist es nicht gruselig. Nur still, nur hie und da leises Rascheln. Und da ist sie nochmal, die Magie.

Um die Ecke, wieder Asphalt. Aber ich weiß, die Sandpisten kommen noch. Sie kommen immer um Berlin herum. Zwischen den Baumwipfeln ist es nur noch dunkelgrau. Dämmerung?  

Wieder über die Dörfer, die Vorhut meldet sich aus der Notaufnahme von Bad Belzig, wo sie Kaffee trinkt. Es klingt eher nach Bäckerersatz als nach Notfall. Eine breite abschüssige Piste, plötzlich krasses Schlingern, Sand im Dunkeln. Ich sehe im hüpfenden Licht nicht, wo die tiefen Stellen sind, ich fahre langsam und bleibe stecken. Immer dieser Moment, in dem du nicht weißt, ob du noch weiterkommst oder raus musst aus den Pedalen. Wenn es dir das Hinterrad wegziehst. Ich hasse es!

Gut, dass die anderen voraus sind, ich schimpfe lauthals vor mich hin.   

Asphalt. Der Terminator tritt wieder an. 9 km bis Bad Belzig. Es wird nicht weniger. Mein Nacken fühlt sich an, als treibe jemand Nadeln hinein. Die Lichter vor mir haben plötzlich bunte Ränder.

In Bad Belzig finden wir nichts, die anderen sind eh schon weiter. Hinterher!? Harald fragt mit Blick auf mich, ob wir das wirklich alle wollen. Ich will nicht. Ich zittere nur noch. Der Sand hat mir alles rausgesaugt.  

Da ist der gemütlich beleuchtete Eingang eines Seniorenheims, das will ich.

Ich dusele vor mich hin, während Harald dem alle zwei Minuten eintreffenden Pflegepersonal freundlich unsere Mission erklärt. Wie das klingen muss: Wir kommen mit dem Fahrrad gerade aus Frankfurt am Main und möchten uns nur kurz aufwärmen. Wie Joas später sagen wird, die sind wahrscheinlich gewöhnt, dass die Leute wirres Zeug faseln. Unser Geruch wird den Eindruck unterstreichen.

Fünfzehn Minuten später ist es viel besser, erstaunlich, was eine kurze Pause bringt. Warmfahren geht wieder, die nächste Sandpiste, Sand macht so wütend, aber da ist wenigstens Energie. Und es kommt Sand genug. Ein Kaffee wäre schön. Wir sind in der Service-fernsten Ecke Brandenburgs gelandet. Dafür unter 100!

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Durch den Wald noch, vor Potsdam muss der Track natürlich über jedes einzelne verfügbare Sandkorn führen. Ich war insgesamt wirklich langmütig mit den gebotenen Untergründen, finde ich. Hab’s genommen, wie es kam. Hier möchte ich gern jemanden schlagen, weil das einfach nicht geht! Ich wüte vor mich hin.

Aber dann Potsdam! Fast zu Hause!

Und an irgendeiner Ecke taucht es dann plötzlich auf, das Ortsschild Berlin. Ich heule doch nicht, obwohl ich jetzt schon wieder eine Nacht durchgefahren bin. Und überhaupt die längste Strecke gefahren bin, die ich jemals gefahren bin. Und das auch noch mit dem schwersten Rad, das ich habe.

Stattdessen essen wir einträchtig ein paar Erdnüsse, die über Nacht in einem chemischen Wunder zu einem großen Klumpen zusammen gepappt sind.   

Die im Minutentakt vorbeizischenden Rennradfahrer betrachte ich etwas neidisch angesichts deren Tempo und Leichtfüßigkeit. Die sind aber auch erst seit 27 Minuten unterwegs, sagt Harald. Du dagegen seit 27 Stunden. Und damit hat er natürlich recht.

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(C) Harald Legner

***

Eigentlich, finde ich, wäre das ein passender Schlusssatz.

Aber dann hätte ich nicht erwähnt, wie nett es war, dass uns Mikasalo entgegen kam, und das Radelmädchen und der Eisenschweinkader-Tino mit Kaffee, Muffins und Orangenschnitzen am Luftbrückendenkmal auf uns gewartet haben. Und noch andere, deren Namen ich vergessen habe. Das war der Moment, wo ich dachte, beim nächsten Mal doch mit Spot-Tracker, denn es tut so gut, wenn da jemand steht, der weiß, was es heißt. Vielen Dank an Euch!

Und an meine Trigger und Hauptbegleiter. Harald! Wie gelassen kann man eigentlich sein? Es hat riesigen Spaß gemacht, mit Dir unterwegs zu sein. Joas!! Was kann ich noch sagen. Navigation, Licht, Tempo. Alles! Ich hoffe, wir können irgendwann zu dritt die Gefährlichkeit der Straßen zu Ende diskutieren.

Unbezahlbare Ausrüstung waren die gesammelten Ratschläge von zwei alten Haudegen, die ich immer dabei habe, nämlich vom Coach und vom Randonneurdidier.  

M. hat mich dankenswerterweise angetrieben, mich vorher gelegentlich auch um die Materialfragen zu kümmern, statt nur zu fahren, und alle Zweifel mit einem stoischen “ach, das wird bestimmt toll” abgetan. Er hat wie immer recht behalten. 

Und nicht zuletzt Gunnar Fehlau, der so ein Event auf die Beine stellt, es im Übrigen selbst in unter 50 Stunden zu Ende fährt, und, ich sage es jetzt mal so platt, eine coole Sau ist. Obwohl ich ihn im Verdacht habe, sein Büchlein über Bike-Packing zeitlich-strategisch so rausgebracht zu haben, dass sich die Mitfahrer noch mehr Gewicht in die Taschen laden. Aber stimmt – das war ja gar kein Rennen.

Ohne Euch wäre ich vielleicht auch irgendwie so ähnlich und später angekommen. Aber es wäre bestimmt nicht annähernd so toll gewesen!

Unterwegs: 67 Stunden (Freitag, 18 Uhr bis Montag, 13 Uhr)

Kilometer: 680, glaube ich (der Garmin liegt wieder in der Ecke). Inklusive Abstecher zu Claus Czycholl.

Danke fürs Lesen und Mitfiebern!