Wie bringe ich es zusammen, den kleinmütigen Anfang dieser Tour, und das Ende, das so ganz anders war? 3.050 Kilometer sind es geworden, fast 35.000 Höhenmeter. Dreieinhalb Wochen auf der Straße. 16 Etappen. Aber das sind nur Zahlen. Das sagt gar nichts.

Die Reise selbst türmt sich in meinem Kopf mit ihren Bildern, ihren Wendungen, mit allem, was unterwegs passiert ist, und dem, was ich schließlich verstanden habe.

Es beginnt an einem Dienstag Ende Juli. Seit ich das Jaegher aus Belgien geholt hatte, spukte mir eine weitere Tour über Land im Kopf herum. Ein Stück durch Europa, ein Hauch von Transcontinental Race auch für mich. Praktischerweise kenne ich Menschen in Frankreich und in der Schweiz und im Süddeutschen, die ich besuchen darf. Eckpunkte, die Sinn ergeben. Aber eigentlich will ich nur Radfahren, bis es endlich mal genug ist.

Es beginnt mit dem Gefühl, dass ich nicht so recht gerüstet bin. Etwas überstürzt ist der Aufbruch, nachdem M. und ich gerade erst aus dem Urlaub zurückgekommen sind. Einem sehr faulen Urlaub, Fritten, Ale und im Auto sitzen, fahre ich mir alles wieder runter, noch bevor ich in den Bergen bin.

Die Taschen packen* ist noch das geringste, einfach wie bei den sonstigen mehrtägigen Touren, und noch was zum Wechseln, damit man nicht nackt rumstehen muss, wenn gewaschen wird.

Die Strecken sind leidlich geplant, Berlin und Chossière in der Auvergne in Komoot eingegeben und dann große Fetzen von Bundesstraßen ersetzt. Drei Tage bis Karlsruhe: 640 km. Drei weitere Tage bis ins Zentralmassiv, nochmal 650. Von dort rüber in die französischen Alpen und weiter nördlich nach Bern. Unterhalb des Bodensees entlang ins Allgäu und dann wieder hoch nach Norden.

Im Kopf bin ich irgendwie nicht gerüstet. Zwei Stunden, nachdem ich die Unterkünfte für die ersten zwei Nächte gebucht habe (Mücheln, Sulzfeld, irgendwo auf dem Lande, nicht stornierbar), ist aus heiterem Himmel starker Regen angesagt. Ich warte am Morgen, bis es nachlässt. Start um 11:33 Uhr, 212 Kilometer zu fahren. Das Jaegher ist schwer und träge unter dem ungewohnten Gepäck.

Ich nehme den Weg mitten durch die Stadt, um dem Ganzen etwas Würde zu verleihen. Zuckle stop and go über Kuh’damm, Krone, Potsdam (Kusshand im Geiste an B., der sich kurz zuvor als Langstreckenfan geoutet hat), überall Baustellen, es geht nicht voran. Joas meldet sich, ist gerade in der Gegend, ob ich Zeit für einen Kaffee hätte. 29 Kilometer. Ein Prozent der Strecke. Was habe ich mir da bloß vorgenommen. Am liebsten würde ich umkehren. Und dann?

Über Michendorf bis Treuenbrietzen. Der erste Abschnitt ist unglaublich langweilig. Fahr‘ das doch mit dem Zug, sagte M. Kennst du doch bis zum Abwinken. Wollte ich aber nicht. Wenn das jetzt schon so losgeht.

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Es fängt an zu nieseln, das war auch klar. Es regnet sich ein. Nass sein ist das eine. Am meisten fürchte ich den falsche Ohrwurm. Rain, rain, go away, go away, und das für Stunden.

Einer mit Saddle pack, der mich schon mal überholt hat, kommt von hinten. Ich hätte da wohl eine Abkürzung gekannt. Er ist von Darmstadt über Wien und Berlin jetzt wieder nach Hause unterwegs.

Eigentlich sieht der nett aus. Aber ich spüre seine Routine, ich selbst habe noch nichts davon. Ich muss erst einmal fahren. Und da ist auch die Tanke, die ich dringend brauche. Mit ein paar Nüssen schaffe ich doch keine 200. Drinnen der andere Ohrwurm. Du rufst mich an und ich frag dich wie’s dir geht… Dämlich, und sehr hartnäckig.

M. hat sich gemeldet, inzwischen gibt es eine Horror-Unwetterwarnung für Berlin, Sachsen, Thüringen. Ich solle unbedingt umplanen! Da, wo ich fahre, sieht es nicht schlimm aus. Es ist bedeckt und düster, aber trocken. Und es zieht sich.

Ich kaue auf dem Ohrwurm herum. Komm’ vorbei in meinem Bungalow, by the rivers of cash flow. Was soll das eigentlich heißen. Soll es überhaupt was heißen? Geht echt nicht blöder.

Irgendwo riecht es intensiv nach Kokos. Das einzige, was gerade an Sommer erinnert. Ich vermisse M. jetzt schon.

Kurz nach 19 Uhr rufe ich im Gasthof an, dass ich später komme. In empörten Tonfall erwidert man, dass das nicht ginge, da wäre jetzt schon keiner mehr. Und zu essen gäbe es um diese unmögliche Uhrzeit am Ort mit Sicherheit auch nichts.

An der nächsten Tanke suche ich nach geeigneter Verpflegung für den Abend. Eine Packung Pringles ragt waghalsig über den Saddle pack hinaus. In irgendeinem unguten Moment saust die womöglich einem nachfolgenden Autofahrer gegen die Frontscheibe.

Alles Mist. Auf das gebuchte Hotel gepfiffen und für heute in Halle an der Saale Station gemacht. Da sind sie vielleicht netter, und ein Restaurant wird auch noch offen haben. Es widerstrebt mir, den Plan gleich am ersten Tag über Bord zu werfen. Aber ich wollte ja was Neues probieren, also bitte.

Das Hotel am Wasserturm empfängt mich mit einem Lächeln und Traubenzucker in Herzform. Da bin ich dann wieder caaandy.

Der Deutsche Wetterdienst zeigt tatsächlich extreme Niederschläge für meine weitere Strecke an. Also über Leipzig wieder nach Osten und dann Richtung Hof. Ich gebe ein paar Punkte in den Routenplaner des Garmins ein. Sieht doch ganz gut aus.

Am Morgen ist es düster, ich trödele mit der Abfahrt herum. Unterwegs ein erstes Landkreisschild für den Traumradler.

Der Traumradler: Blogbesucher der ersten Stunde. Manchmal poste ich etwas, von dem ich hinterher denke, ach, puh, na ja, aber dann kommt der Traumradler vorbei und klickt auf “gefällt”. Ich finde das sehr freundlich.

Daher: Fotos aller Landkreisschilder, die ich unterwegs finde, für die Challenge vom Traumradler. Das zumindest habe ich mir vorgenommen, ganz egal, was sonst passiert.

In Leipzig schickt mich Le Garmin, Le Garmääää, wie ich ihn inzwischen liebevoll nenne, schließlich sind wir nach Frankreich unterwegs, zum ersten Mal auf Schotterwege. Ich will es nicht so recht wahrhaben, es sind wohl Radwege mitten durch die Stadt, durch die weiten Grünflächen. Irgendwo möchte ich auch schwören, das ist der Schrebergarten, von dem aus der Maurice Brocco gestartet ist. Leipzig, ich häng’ an dir!

Komme vorbei an einem bunten Wagon, aus dem heraus Kaffee und Belegtes verkauft wird. Das Baguette mit Ziegenkäse, Birne und Walnüssen ist so riesig, dass es mir über den Tag reichen wird. Das Jaegher parkt neben den Liegestühlen. Das muss Urlaub sein.

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Rauszus fängt es an, stärker zu regnen. Vorn ist ein Tagebau-Aussichtspunkt ausgeschildert, der an der Strecke liegen soll. Stattdessen Radweg-Desaster. Man hat hier einfach eine Ladung Schotter drauf gekippt. Radfahrer absteigen.

In Böhlen stelle ich mich frierend unter das Vordach der Gemeindeverwaltung, checke die umliegenden Hotels. Da ist eines, das gut klingt, aber Einchecken ist erst in zwei Stunden möglich. Bevor ich hier rumwarte, kann ich auch weiterfahren.

Der Garmin führt mich auf verschwiegenen Wegen raus aus den Ortschaften. An der Pleiße steht ein Reh, ganz nah meinem Weg. Endlich ein bißchen Zauber.

Immer kleiner und schöner die Wege, werden zu Feldwegen, enden im Nichts. Wieder stop and go, da lang vielleicht, Fehlanzeige, ich komme nicht voran. Schließlich fünf Kilometer zurück ins Dorf und ab jetzt mit guter alter Komoot-Sprachnavigation auf dem Radweg entlang der Bundesstraße. Zumindest ist Regenpause. Natürlich nicht für lange. Was um alles in der Welt mache ich hier.

Aussicht trist bis gar nicht, es prasselt nur so auf mich herab. Ich fahre zickzack zwischen den Schnecken, ich frage mich immer, was passiert, wenn ich eine erwische, aber ich will es ums Verrecken nicht wissen, will das nicht an den Reifen haben, und um Himmels willen auch kein Gemetzel anrichten.

Das ist doch völliger Mist, dieses Langstreckenfahren. Heimfahren, nur noch für den Velothon trainieren, die 60 km wohlgemerkt. Besser noch, alle Räder verkaufen, neues Hobby suchen. Noch keine 24 Stunden unterwegs, und ich bin schon fertig mit dieser völlig bescheuerten Unternehmung.

Aber wenn ich jetzt wirklich heimführe, was dann? Könnte ich mich ja auch gleich einmotten.

In Altenburg habe ich die Schnauze voll. Gerade wurde es etwas welliger, etwas spannender, jetzt wieder Regen. Kaum 100 Kilometer gefahren, so viel sind durch den Umweg erst dazu kommen. Der Tag hat mich keinen Zentimeter weiter gebracht.

Ab ins Hotel, alles trocknen und herausfinden, wie ich den Garmin dazu bringe, den Straßen zu folgen, die Komoot für mich plant. Morgen soll das Wetter besser sein. Und ich kann vielleicht richtig früh los?

Richtig früh ist 5:14, noch vor dem Gegenwind, eine Liste mit den nächsten Kaffeepunkten im Gepäck, nachdem man im Gasthof Frühstück erst ab 8 Uhr reicht (lächerlich!). Hinter mir ein wundervoller Sonnenaufgang, vor mir Autorennen aus der Stadt heraus, immer schön zwei und zwei auf der zweispurigen Fahrbahn. Maaann, das ist öde. Ich will nicht mehr in Deutschland Radfahren, soweit ist es schon gekommen. In Berlin bin ich die Rücksichtslosigkeit gewohnt, aber dort, kommt es mir vor, ist irgendwie mehr Platz zum Ausweichen.

Missmutig kurble ich vor mich hin, uneins mit mir und der Welt. Vielleicht fehlt auch nur der Kaffee. Man ist ja manchmal gern versucht, für alles Mögliche Gründe zu suchen, dabei liegt es nur an der Chemie.

Schön ist es eigentlich, im goldenen Morgenlicht. Der Weg zunehmend hügelig, der Tag breitet sich vor mir aus.

Nach 40 Kilometern endlich Kaffeegeruch. Ich nehme Witterung auf. Bäcker Lukas in Weida bietet Zeilenbrötchen, Marmelade, Honig, Nutella. Keine Butter? Die Dame hinter der Theke holt mir ihre eigene Becel aus dem Kühlschrank und reicht mir ein scharfes Messer für die Brötchen. Einer dieser Momente, in denen alles, wirklich alles, einfach nur gut ist.

Eine Bismarcksäule. Eine 100jährige Eiche. Der Lutherweg. Fahre ich überall vorbei. Ich bin im Thüringer Schiefergebirge, und allmählich wird mir klar, was mit Gebirge gemeint ist. Raus aus dem Ort, Hügel hoch, Hügel runter, nächster Ort. Hügel? Wände! Das geht richtig steil hoch. Puls auf 170, wieder und wieder. Das reinste Intervalltraining.

Je weiter ich vordringe in den Thüringer Wald, desto grauer wird der Himmel. Immer wieder wechseln schöne einsame Sträßlein mit stark befahrenen Abschnitten. Ein rotschwarz gefleckter Fuchs hetzt über das Feld. Nebel zieht herauf, es beginnt zu nieseln. Warnweste, Rücklicht. Noch ein Dorf, noch eine Wand.

Um mich herum ist es erst nur noch grau, dann weiß. Puls runter, Puls hoch. Kalt ist es, so kalt, dass ich die Handschuhe anziehe, die ich für die Alpen eingepackt habe, und schlecht ist mir auch. Und wenn ich hier strande, im Nirgendwo?

Dean fällt mir ein, ihn könnte ich anrufen und bitten, mir einige Sprüche um die Ohren zu hauen, mit denen ich ihn traktiert habe. (Viel hilft viel. Es muss auch mal weh tun. Doppelt so viel geht immer!) Ich brauche Gnadenlosigkeit, ich brauche Ansagen. Aber der ist irgendwo in einer anderen Zeitzone. Nächste Wand.

Irgendwann steige ich einfach ab. Irgendwo oben ist auch Landkreiswechsel. Schnelles Foto, an die Leitplanke gedrückt. Die Raser wieder. Abfahrt dann im Schritttempo, die Wege sind feucht, man weiß auch nie, was auf dem Radweg alles rumliegt. Da vorn ist ein Ort namens Sattelgrund ausgeschildert. Einen Sattelgrund, den bräuchte ich jetzt. Sonneberg soll bald kommen. Dort gibt’s meinen Recherchen nach einen McDo.

Ich fahre dann einfach nur noch dem Schildchen mit dem gelben Bogen hinterher. “Das Warten hat gleich ein Ende”, endlich mal sinnvolle Werbung!

Das Tablett voll bepackt. Ich denke, dass ich noch nie im Leben so glücklich über 146 geschaffte Kilometer war. Überhaupt: Erstes Glücksgefühl! Eigentlich wollte ich zusehen, wie weit ich komme und dann in die Bahn nach Karlsruhe, ich bin schon einen ganzen Tag im Verzug. Aber ehe ich mich’s versehe, habe ich mich in Haßfurt eingebucht. Noch 60.

Wieder lande ich auf der Bundesstraße, die eher Autobahn ist hier hinter Coburg. Zerre das Jaegher Böschungen hoch und runter auf der Suche nach parallelen Wegen, die es gibt, die man aber nicht beschildern muss, für wen denn, für Radfahrer? Grasnarbig hubbelig ist’s, aber alles besser als neben den Rasern.

Dann endlich im Grünen, eigentlich ist es ganz schön. Auch kein Regen mehr. Trotzdem, ich bin leer. So leer.

Ich pfeife mir ein Gel rein.

So sagt man doch? Ich esse sonst kein Gel. Ist beim gestrigen Rossmann-Hamsterkauf irgendwie in den Korb gewandert. Bewirke bitte ein Wunder.

21 Kilometer. Zwei Dörfer, zweimal hoch und runter. Eigentlich geht es gar nicht mehr. Irgendwie geht es doch. Komme durch Königsberg in Bayern, ein unvermutetes Highlight an würdig alterndem Fachwerk. Nur noch bergab!

Haßfurt, Pension Schenk. Eine Gastwirtin mit lakonischem Interesse an Rad und Fahrerin. Leidlich genießbare Tortellini in der Stadt, und noch schnell Denkmäler im Dunkeln. Über 3.000 Höhenmeter sind das heute geworden. Und morgen erst der Kraichgau.

So also beginnt es. Die Beine schon wie Blei, und ich habe noch nicht mal das Land verlassen. Fahre mal kurz mit dem Rad in die Auvergne, ja genau. Oh Mann.

Hier geht’s weiter.

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Touren auf Komoot:

Tag 1: Berlin – Halle an der Saale, 181 km, 640 hm

Tag 2: Haale an der Saale – Altenburg, läppische 98 km, 320 hm

Tag 3: Altenburg – Haßfurt, 214 km, 3.140 hm

(*Packliste kommt)